Verwandtschaft zwischen Göttern und Menschen. 33
Es besteht kein hinreichender Grund, um die Deutung dieser Namen, oderwenigstens der älteren unter ihnen, nach Analogie der ähnlichen Stammes-namen, die sich bei den Nordsemiten finden, zu verwerfen. Die religiösenCulte in Arabien beruhen ihrem Ursprung nach ebenso wie die Palästinas undSyriens auf der Anschauung von der Verwandtschaft der Götter und ihrerVerehrer. In den späteren Zeiten des arabischen Heidentums, über die wirallein annähernd ausreichende Berichte haben, hatte sich die religiöse An-schauung immerhin sehr erheblich vom Stammesbewusstsein abgelöst, indesnur infolge der ausgedehnten Wanderungen, die sich in den ersten Jahr-hunderten unserer Zeitrechnung vollzogen und die Stämme von den feststehen-den Heiligtümern der Götter ihrer Väter weit wegführten 21 . Die Leutevergassen ihren alten Cultus, und da die Namen der Götter als Eigennamenvon Individuen gebraucht wurden, so war der göttliche Stammvater — bereitsvor dem Islam — meist zum Rang eines blossen Menschen herabgesunken.Aber obgleich die späteren Araber Götter verehrten, die nicht die Götter ihrerVorfahren gewesen waren, obgleich Stämme verschiedener Abstammung sichvielfach an den grossen Wallfahrtsstätten bei festlichen Anlässen versammelten,so giebt es doch manche Zeugnisse dafür, dass alle arabischen Gottheitenursprünglich die Götter besonderer Stämme waren, und dass die religiöse Ge-meinschaft ursprünglich mit der des Blutes identisch war.
Ein durchschlagender Beweis dafür liegt in der Thatsache, dass diePflichten der Blutsgemeinschaft die einzigen Pflichten von absoluter und un-antastbarer Heiligkeit waren. Den arabischen Helden in der Zeit unmittelbarvor dem Islam fehlte die Religion im gewöhnlichen Sinne des Wortes in auf-fallendem Masse; um Götter und göttliche Dinge bekümmerten sie sich sehrwenig, und in Angelegenheiten des Cultus waren sie ganz nachlässig. Da-gegen empfanden sie dem Stamme gegenüber eine gewisse religiöse Ehrfurcht,und das Leben eines Stammesgenossen galt ihnen als heilig und unverletzlich.Dieser scheinbare Widerspruch wird indes im Lichte der antiken Anschauungbegreiflich, für die der Gott und seine Anhänger eine Gemeinschaft bilden,innerhalb derer der gleiche Charakter der Heiligkeit ebensowohl in den Be-ziehungen der Gläubigen zu einander wie in ihrem Verhältnis zur Gottheitzum Ausdruck kommt. Die ursprüngliche religiöse Gemeinschaft war derStamm, und alle Verpflichtungen, die in der Verwandtschaft begründet sind,waren zugleich Bestandteile der Religion. Und selbst wenn der Stammesgottzurückgetreten und fast in Vergessenheit geraten war, behauptete sich dochdas Wesen der Stammesreligion in der bleibenden Heiligkeit des Blutbandes 22 .
schaft seiner Verehrer bilden. Ueber den collectiven Gebrauch von 'abd s. Hamäsap. 312 v. 1. Personennamen, die ein Sohnesverhältnis zur Gottheit ausdrücken, sind inArabien selten. Ueber die südarabischen Namen s. D. H. Mülle r, Krit. Beitr. zur süd-arabischen Epigraphik (ZDMG. 37, 1—19). [Unter den a. a. 0. p. 12—13 und p. 15 mit-
geteillen Namen erscheinen bxJ3 und 1132, die indes Müller p. 15 Anm. 3 als bx "33 I]fecit (cf. Assur-bani-pal) und 11 'OÜ mit Verschleifung des , im Perfect. erklärt.]
21) s. Well hausen, Heidentum p. 182 f., vergl. I Sam. 26, 19.
22) Als das Orakel zu Tabäla dem Dichter Imrulkais verbot, gegen die Mörderseines Vaters einen Rachezug zu unternehmen, zerbrach er die Loospfeile und warf dieStücke dem Gottesbild an den Kopf, indem er ausrief: „Wenn dein Vater ermordet wor-den wäre, würdest du mir die Rache nicht verboten haben!" Die Achtung vor derHeiligkeit des Blutes überwiegt die Ehrfurcht vor der Gottheit, die damit, dass sie ander Blutrache des Dichters keinen Anteil nimmt, zeigt, dass sie dem Ermordeten und
Smith, Religion. 3