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Die Religion der Semiten
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30 Zweites Kapitel. Das Wesen der religiösen Gemeinschaft etc.

die durch Vermittelung der monotheistischen Hebräer auf uns gekommen sind,natürlich nur in geringer Anzahl überliefert. Andererseits stammen die er-haltenen Bruchstücke der phoenizischen und babylonischen Kosmogonie auseiner Zeit, wo die Stammesreligion und die Verknüpfung der einzelnen Göttermit besonderen Stämmen bereits völlig verschwunden oder in den Hintergrundgetreten war. In emer verallgemeinerten Form behauptete sich indes stetsdie Anschauung, dass die Menschen Abkömmlinge der Götter seien. So trittes in der phoenizischen Kosmogonie, wie sie Philo von Byblus mitteilt, ineiner freilich ganz verworrenen Weise hervor, was auf dem Euhemerismus desVerfassers beruht, das heisst auf seiner Theorie, dass die Götter lediglich vergöt-terte Menschen seien, die ihrem Geschlecht ausserordentliche Wohlthäter ge-wesen waren. Aber der Euhemerismus selbst kann als eine Deutung der volks-tümlichen Religion nur da entstehen, wo die alten Götter als den Menschen ver-wandt betrachtet werden, wo daher auch die Vergöttlichung menschlicher Wohl-thäter nicht so offenbar widersinnig ist. wie für unser Denken. Ferner wird dieAnschauung, dass die Menschen vom Blute der Götter sind, in der chaldäischenSage, wie sie durch Berosus 14 überliefert ist, in einer Weise ausgedrückt,die soviel rohe Ursprünglichkeit zeigt, dass sie von sehr hohem Alter seinmuss: Tiere wie Menschen sollen aus Thon gebildet sein, der mit dem Bluteeiner enthaupteten Gottheit vermischt war. Hier haben wir eine Blutsver-wandtschaft zwischen Göttern, Menschen und Tieren, ein Glaube, der mit dentiefstehendsten Formen roher Religionen Berührungspunkte hat.

Verwandtschaft zwischen Göttern und Menschen.

Es liegt auf der Hand, dass die Idee einer natürlichen Verwandtschaftzwischen Göttern und Menschen im allgemeinen jünger ist als die An-nahme einer Verwandtschaft zwischen bestimmten Göttern und ihren Anhängern.Das Fortleben dieser Idee in einer verallgemeinerten Gestalt, nachdem dieReligion ihren festen Zusammenhang mit dem Stammesleben verloren hatte,ist an sich ein Beweis dafür, dass die Vorstellung von der Abstammung derMenschen aus dem Blute der Götter nicht auf diesen oder jenen Stamm be-schränkt war, sondern einen weitverbreiteten Zug der alten Stammesreligionender Semiten bildete, der mit dem ganzen System von Glauben und Bräuchenzu tief verflochten war. als dass er gänzlich hätte beseitigt werden können,als die Gemeinschaft desselben Cultus aufhörte, lediglich eine Sache derStammesgemeinschaft zu sein.

Dass thatsächlich die Dinge so liegen, wird deutlicher werden, sobaldwir die gemeinsamen Züge der cultischen Institutionen unter den Semitenerörtern werden, besonders die cultische Verwertung des Blutes, die dasursprüngliche Symbol der Verwandtschaft ist. Inzwischen haben wir nocheine Form der Vorstellung von der göttlichen Abstammung zu beachten, diedie Auflösung des auf die Stammeseinheit gegründeten politischen Systems unterden Nordsemiten überlebte. Als dieser Zersetzungsprocess sich vollzogen hatte,konnten die Verehrer eines Gottes, die als Glieder verschiedener Stämme durch

14) Fragmenta liistoric. graec. ed. C. Müller, II, 497 f.:'ISdvia 5e xov BrjXov -/cöpav£pYj|iOv >cal xapTio'^öpov y.sXsiiaai evl xSv S-stüv trjv y.ecf>aX7)v äcpsXövu iauTOÜ T'p äitoppusviLo.'i\s.tx-i cpupäaai xv)V fVjv xal S'.aiiXäaai äv&pämooj y.ai S-vjpia."