Druckschrift 
Die Religion der Semiten
Seite
28
Einzelbild herunterladen
 

r

28 Zweites Kapitel. Das Wesen der religiösen Gemeinschaft ete.

Eltern auf die Kinder fortpflanzt und in den Adern jedes Familiengliedesströmt. Die Einheit der Familie oder des Stammes wird als natürliche Ein-heit betrachtet; denn das Blut ist der Träger des Lebens, und es ist dasselbeBlut und damit dasselbe Leben, an dem alle Nachkommen eines gemeinsamenAhnherrn gleicherweise Anteil haben n . Die Idee, dass die Rasse ein ihreignes Leben hat, von dem das Leben der Individuen nur ein Teil ist, drücktsich deutlich darin aus, dass die Basse sinnbildlich in einem Baume veran-schaulicht wird, dessen Wurzel oder Stamm der gemeinsame Ahnherr ist,während seine Nachkommen die Zweige sind. Dies Bild ist bei allen Semitengebräuchlich; es wird sowohl im alten Testament wie von den arabischenDichtern sehr häufig verwendet.

Die sittliche Seite des Vaterverhältnisses hingegen liegt in den socialenBeziehungen und Verpflichtungen, die aus der natürlichen Verwandtschaft er-wachsen: in der Heiligkeit des Blutbandes, das die ganze Familie verknüpft,und in der besonderen Art dieser Beziehung in dem Verhältnis von Elternund Kind, indem die Eltern das Kind beschützen und ernähren, während dasKind seinen Eltern Gehorsam und Dienstwilligkeit schuldet.

Im Christentum wie bereits in der vergeistigten Religion der Hebräerist die Vorstellung von Gott als Vater von der physischen Grundlage der na-türlichen Vaterschaft völlig losgelöst. Der Mensch war nach dem EbenbildeGottes geschaffen, aber nicht von ihm erzeugt; die Gotteskindschaft ist keinnatürlich begründetes Verhältnis, sondern eine Gabe der Gnade. Im altenTestament ist Israel Jahwes Sohn, wie Jahwe sein Vater ist, der es erschuf(Hos. 11, 1. Jes. 63, 16. Deut. 32, 6). Aber diese Schöpfung ist nicht eineThat des natürlichen Lebens, sondern stellt sich in der Reihe göttlicher Gnaden-erweisungen dar, durch die Israel zur Nation ward. So bezieht sich dieseSohnschaft, obgleich zu den Israeliten als Gesamtheit gesagt wirdIhr seidKinder Jahwes, eures Gottes" (Deut. 14, 1), auf die Nation, nicht auf dieeinzelne Persönlichkeit; als Individuum hatte der Israelit nicht das Recht, sichalsSohn Jahwes" zu bezeichnen.

In den heidnischen Religionen indes ist die Vaterschaft der Gottheit einnatürlich begründetes Verhältnis. Bei den Griechen z. B. ist die Anschauung,dass die Götter die Menschen, wie Gebilde von der Hand des Töpfers, ausThon bildeten, verhältnismässig jung. (Die ältere Anschauung ist, dass dieVorfahren der Menschen Götter waren, oder dass die Menschen Kinder derErde, der gemeinsamen Mutter der Götter und Menschen, waren, und dasssomit die Menschen mit den Göttern im eigentlichen Sinne stammver-

II) Diese Anschauung ist uns aus dem AT. vertraut. (Lev. 17,11. Gen. 9, 4. Deut.12, 23.) Auch bei den Arabern -wird nafs vom Blute gebraucht. Wenn jemand einesnatürlichen Todes stirbt, so entweicht sein Leben durch die Nase:mäta hatfa anfihi",wenn er aber im Kampfe erschlagen wurde, soströmte sein Leben über die Spitze derSchwerter aus" (s. Hamäsa, ed. Freytag p. 52 V 1 u. 2. Rückert, Harn. p. 25 f.).

Der Gebrauch von nafsu (Seele) für clamu (Blut) findet sich ähnlich in der Wendung nafsa lahu scVilatun im Sinne von dama lahu jagri (b»i al-Fajümi, Kitäb al-Misbäh

s. v. (j~ Bd. II, 174). Auf den Gebrauch von nafs für Blut führen die arabischenPhilologen Ausdrücke zurück wie nifas Niederkunft, nafsu Gebärende. Der Gebrauchvon nafasat oder nufisat im Sinne von bftdat ((jiL=» med. ^J) menstruafuit(BuchariI,721. 10) scheint diese Erklärung zu bestätigen.