Die Auffassung der Gottheit als „Vater". 27
nicht in Beziehung standen. Nur dadurch, dass kleine Gruppen sich zu grös-seren Gesellschaften vereinigten, begann auch eine Gemeinschaft und Verwandt-schaft der verschiedenen Götter nach dem Vorbilde des Bündnisses oder derVerschmelzung ihrer entsprechenden Anhänger sich auszugestalten. In derThat haben die Babylonier und Assyrer an der Ausbildung einer systemati-schen Hierarchie oder einer Gemeinschaft der semitischen Gottheiten den we-sentlichsten Anteil. Den Bestrebungen ihrer Herrscher, auf der Mannigfaltig-keit der -ursprünglich unabhängigen localen Gemeinwesen ein festgefügtes B-eichzu errichten, schlössen sich die Bemühungen der Priester an, die die Vielheitder localen Culte in eine entsprechende Einheit des religösen Systems zusammen-zufassen suchten 10 .
Die Auffassung der Gottheit als „Vater".
Bisher betrachteten wir nur die allgemeine Thatsache, dass in einemGemeinwesen der Semiten die Götter und Menschen ebensosehr ein socialesund politisches wie ein religiöses Ganze bilden. Um aber unsere Auf-fassung concreter zu gestalten, müssen wir weiterhin erwägen, welche Stellungder göttliche Teil dieser Gemeinschaft in dem Ganzen einnahm. Dabei findenwir, dass die beiden bestimmenden Anschauungen über die Beziehung desGottes zu seinem Volke die der Vaterschaft und des Königtumssind. Wir haben das semitische Gemeinwesen als auf zwei Grundlagen er-richtet verstehen gelernt — auf der Verwandtschaft, die für den Zusammen-hang des Stammes oder Volkstums die Grundlage bildet, und auf der Ver-schmelzung von Stämmen, die unter einander oder neben einander leben unddurch gemeinsame Interessen mit einander verknüpft sind, worauf die Ent-wickelung des Staates begründet ist. Wir vermögen jetzt zu erkennen, wiesich Stamm und Staat in ihrer Religion darstellen: als Vater gehört derGott zur Familie, d. h. zum Stamme, als König gehört er zum Staate. Injedem Bereiche der socialen Lebensordnung nimmt er die höchste Würde-stellung ein. Diese beide Anschauungen erfordern eine nähere Betrachtungund eine auf das Einzelne eingehende Erörterung.
Das Verhältnis des Vaters zum Kinde hat eine sittliche wie eine na-türliche Seite; für die Erwägung, welche Bedeutung die Vaterschaft des Stammes-gottes in der alten Religion hatte, muss jede von beiden in Betracht gezogenwerden. In natürlicher Beziehung ist der Vater derjenige, dem das Kind seinLeben verdankt, durch den es mit den andern Gliedern der Familie oder desStammes im Verhältnis der Verwandtschaft steht. Die antike Auffassungder Verwandtschaft ist die Gemeinschaft desselben Blutes, das sich von den
10) Bereits im 8. Jahrh. v. Chr. hatten auch einige der westsemitischen Staaten einausgedehntes Pantheon, wie am deutlichsten aus den Angaben der Inschriften von Send-schirli (im nordwestl. Syrien am Fusse des Berges Amanus) hervorgeht. Von diesen Gott-heiten werden fünf mit Namen genannt. [Ueber die Funde von Sendschirli s. Ausgra-bungen in Sendschirli, I. p. 55 — 84. (Mittheil, aus den Orient. Sammlungen der Königl.Museen zu Berlin. Heft XI. 1893.) D. H. Müller, Die altsemit. Inschriften von S.(WZKM. YII (1893), p. 33—70, 113—140.) Th. Nöldeke, Bemerkungen zu den aramäischenInschriften von S. (ZDMG. 47 (1893) p. 96—105.) Ed. Sachau, Baal-Harran in einer alt-aram. Inscbr. (Sitzgsber. der Königl. Akad. d. Wissensch. zu Berlin 1895, I p. 119—122).Ed. Sachau, Aram. Inschriften. 1. Die altaram. Baninschr. aus Zengirli, (a. a. 0.1896.II p. 1051 ff.).]