26 Zweites Kapitel. Das Wesen der religiösen Gemeinschaft etc.
schaft Aufnahme fand. In alten Zeiten vertauschte ausser Geächteten wohlkaum jemand seine Religion. Die Einweihungsbräuche, durch die jemand ineine neue Religionsgemeinschaft aufgenommen wurde, gewannen erst Bedeu-tung, nachdem das alte politische Leben der kleinen semitischen Gemeinwesenaufgelöst war.
Andrerseits brachte jede sociale Verbindung zwischen zAvei Staaten aucheine religiöse Verschmelzung mit sich. Auf zwei Wegen mag sich dieserProcess vollzogen haben. Bisweilen wurden zwei Götter selbst zu einem ver-einigt. So identifizierte die grosse Masse der Israeliten in ihren localen Jahwe-culten Jahwe mit den Baalim der kanaanitischen Höhen und übertrug aufseinen Cultus das Ritual kanaanitischer Cultstätten, indem sie damit nichtweniger treue Jahweverehrer als vordem zu sein glaubten. Diese Entwicke-lung wurde durch die ausserordentliche Aehnlichkeit der Attribute, die denverschiedenen Orts- und Stammesgöttern zugeschrieben wurden, sowie durchdie vielfach gleichen Titel 9 der Gottheit noch ausserordentlich erleichtert. EinBaal unterschied sich kaum von einem andern, ausser durch seine Verbin-dung mit einem andern Stamme oder einem andern Orte. Wenn aber dieStämme durch Wechselheirat verschmolzen oder an einem Ort in freund-schaftlichem Verhältnis zusammenlebten, so war eine dauernde Unterscheidungihrer Götter nicht aufrecht zu erhalten. In solchen Fällen, wo die verschie-denen Gottheiten, die durch eine Vereinigung ihrer Anhänger in einem Staats-gebilde gleichfalls vereint wurden, ihrem Wesen nach zu verschieden waren, umihren besonderen Charakter aufgeben zu können, wurden sie fortan neben ein-ander als verbündete göttliche Mächte verehrt. Einem derartigen Verschmelzungs-process müssen wir offenbar die Entwickelung des semitischen Pantheons oder despolytheistischen Systems der Religion zuschreiben. Eine in ihren Gliedern orga-nisch ausgestaltete Götterwelt, ein Pantheon, wie wir es in der StaatsreligionAegyptens oder in den homerischen Epen finden, ist nicht der ursprünglicheCharakter der heidnischen Religion auch erscheint kaum eine Spur derartigerVerhältnisse in den ältesten religiösen Urkunden der kleineren semitischenVolksgemeinschaften. t~Die alten Semiten glaubten zwar an die Existenz vielerGötter; denn die Götter ihrer Feinde galten ihnen ebenso sehr für reale Grössenwie der eigene Gott. Aber dem fremden Gotte,- von dem sie keine Gunster-weisung zu erwarten hatten, der auch ihre Spenden und Opfer nicht annehmenwürde, erwiesen sie keinerlei cultische Verehrung. In einer Zeit, wo jederkleine Stannn an den Grenzen seines Gebiets mit seinen Nachbarn in zahl-reichen Feindseligkeiten zusammenstiess, war auch die Bildung eines poly-theistischen Systems nicht möglich, j Jeder Stamm hatte seinen Gott, viel- ■leicht auch einen Gott und eine Göttin, zu dem die andern Götter überhaupt
9) Im weitem Verlauf unserer Darstellung wird sich zeigen, dass der Cultus dergrösseren semitischen Gottheiten aufs engste mit der Verehrung verknüpft war, die alleprimitiven Hirtenvölker ihren Herden erweisen. Für einen Stamm, dessen Herden ausKühen und Ochsen bestanden, waren die Kuh und der Ochse heilige Wesen, die in älte-sten Zeiten weder geschlachtet noch gegessen wurden, ausgenommen bei Opferfesten.Die Gottheiten selbst wurden als der heiligen Art der Haustiere eng verwandt gedacht.Sie wurden bei Stämmen, die Rinderzucht trieben, oft im Bilde eines Stieres oder einesKalbes, bei Schafzucht treibenden Stämmen als Widder oder Schafe dargestellt. Es istleicht ersichtlich, wie sehr dies die Verschmelzung der Stammesreligionen begünstigte,und wie ursprünglich verschiedene Götter auf Grund der Aehnlichkeit ihrer bildlichenDarstellung oder der ihnen dargebrachten Opfer identifiziert wurden.