Religiöse und natürliche Gemeinschaft. 23
einer grossen, alten Volksgemeinschaft seien, und so durch eine stärkere Ein-heitlichkeit der gemeinsamen Anschauung und des geschichtlichen Erlebens ver-knüpft wurden. Ursprünglich aber wurde der Zusammenschlüss verschiedenerStämme zu gemeinsamem politischen Handeln weder durch ein stark wirkendesGefühl der Blutsgemeinschaft (das Gesetz der Blutrache eint nur die Glieder des-selben Stammes), noch durch eine enge politische Organisation behauptet,sondern wurde lediglich durch den Zwang der praktischen Notwendigkeit her-vorgerufen. Sobald dieser praktische Zwang aufgehoben war, machte sichstets wieder das Streben nach Auflösung geltend. Die einzige Organisationfür gemeinsames Handeln bestand darin, dass die leitenden Männer der ein-zelnen Stämme in Zeiten der Not unter einander berieten; ihr Einfluss zogdann die Massen nach. Aus derartigen Beratungen erwuchs der „Rat derAeltesten", den wir in den alten Staaten der Semiten und Arier in gleicher-weise seit Alters finden. Das Königtum dagegen, wie wir es in den meistenantiken Staaten kennen, scheint gewöhnlich auf dem Weg entstanden zu sein,den uns die Geschichte Israels so deutlich darstellt. In Kriegszeiten ist einpersönlicher Führer unentbehrlich; in Zeiten andauernder Gefahr geht diezeitweilige Autorität eines bewährten Führers leicht in eine lebenslänglicheFührerschaft daheim wie im Felde über, wie sie durch einen Richter wieGideon ausgeübt ward. Endlich wird der Vorteil, ein bleibendes Oberhauptzu haben, sowohl für die Führung im Kriege wie zur Einschränkung derunablässigen Fehden und Streitigkeiten der Stämme, die beständig den festenBestand des Staatswesens bedrohen, in der Institution des Königtums aner-kannt. Das Königtum hingegen strebt danach, erblich zu werden, wie dasHaus Davids, einfach deshalb, weil das Haus des Königs naturgemäss mäch-tiger und reicher wird, als andere, und damit besser fähig ist, die Last derHerrschaft zu tragen.
Bis zu diesem Punkte war der Entwickelunsgang des Gemeinwesens imOsten und Westen sehr ähnlich; die Entwickelung der Religion folgte, wiewir weiterhin sehen werden, im allgemeinen derjenigen des Staates. Aberwährend in Griechenland und Rom die Periode des Königtums im fernenDunkel der Ueberlieferung liegt und nur den Ausgangspunkt einer langenEntwickelung bildet, mit der sich der Historiker dieser Gebiete vorzugsweisebeschäftigt, ist die unabhängige Entwickelung des semitischen Gemeinwesensauf einer alten Stufe stehen geblieben. Den nomadischen Arabern, die inihrer Wildnis von Felsen und Sandwüsten eingeschlossen sind, versperrt dieNatur selbst den Weg zu fortschreitender Entwickelung. Für eine Fortent-wickelung über das System des Stammeslebens hinaus, die von Bestand wäre,bietet die Wüste nicht die natürlichen Bedingungen, und wir finden, dass dementsprechend auch die religiöse Entwickelung in Arabien gehemmt Avar, sodassbeim Auftreten des Islam das alte Heidentum ebenso wie der auf die Stämmegegründete Aufhau des alten Gemeinwesens lebensunfähig geworden war, ohnedamit aufgehört zu haben, barbarisch zu sein.
Die nördlichen Semiten, deren Entwickelung bis zum achten Jahrhundertvor Chr. sicherlich hinter der der Griechen nicht zurückblieb, wurden ihrer politi-schen Unabhängigkeit beraubt und damit in ihrer natürlichen Entwickelung be-schränkt durch das Vordringen der gewaltigen assyrischen Könige vom Tigrisbis an das Mittelmeer. Sie, die aus dem reichen Stromlande des Euphrat und