Religiöse und natürliche Gemeinschaft. 21
älteren Stadien ihrer Geschichte ihre Bestätigung finden. Die Gründe dieserso bemerkenswerten Gleichförmigkeit liegen im Dunkel der vorhistorischenZeit verborgen; sie müssen aber offenbar allgemeiner Art gewesen sein, dasie in allen Teilen der Menschheit ohne Rücksicht auf die Rasse und dienatürliche Umgebung zur Geltung kommen. Denn in jedem Gebiete der Welt,sobald die Völker aus dem Dunkel der vorgeschichtlichen Zeit in das helleLicht der authentischen Geschichte treten, finden wir auch, dass ihre Reli-gionen dem allgemeinen Charakter ihres geschichtlichen Lebens entsprechen,wie wir es soeben angedeutet haben. Im Verlaufe der Zeit und mit denFortschritten des Gemeinwesens treten Umgestaltungen ein. Li der Religionist, wie in andern Dingen, der Uebergang von der alten zur neuen Lebens-gestaltung kein plötzlicher und unvorbereiteter, sondern wird durch eine an-dauernde Zersetzung des alten Baus der Gemeinschaft Schritt für Schritt her-beigeführt, während die Entwicklung neuer Ideen und Institutionen nebender Auflösung des Alten einhergeht. In Griechenland wurde zum Beispieldie enge Verknüpfung der Religion mit der Familie und dem Staat in ver-hältnismässig früher Zeit umgestaltet und gelockert durch die Entwickelungdes gemeinhellenischen Nationalbewusstseins, das seine theologische Ausge-staltung in Homer findet. Wenn die homerischen Dichtungen oft als dieBibel des Griechentums bezeichnet werden, so soll damit gesagt sein, dassin ilmen die Anschauungen von den Göttern einen Ausdruck fanden, welchedie Schranken des localen und auf den einzelnen Stamm beschränkten Cultusdurchbrachen und allen Griechen einen bestimmten gemeinsamen Bestand anreligiösen Ideen und Motiven darboten, die nicht durch die Ausschliesslichkeiteingeschränkt waren, die auf den älteren Entwicklungsstufen des Gemeinwesenskeine Gemeinschaft in der Religion zuliess, die nicht zugleich eine Anteil-nahme an den Interessen des Stammes oder der politischen Gemeinschaft war.In Italien gab es niemals etwas derartiges, das den gemeinhellenischenIdeen, die in Griechenland zur Geltung kamen, zu vergleichen wäre; die engeVerbindung der Religion mit dem Staatswesen, die Gemeinschaftlichkeit derGötter und Menschen als Glieder eines Gemeinwesens mit gleichen Interessenund gleichen Zielen, kam in den Institutionen Roms bis in sehr späte Zeitauf höchst charakteristische Weise zum Ausdruck. Aber in Griechenland wiein Rom hatte sich die gewöhnliche, traditionelle Religion der Volksmassenvon ihrer ursprünglichen Gestalt niemals sehr weit entfernt. Die endlicheZersetzung der antiken Religion im Bereich der hellenisch-römischen Cultur-welt war zunächst das Werk der Philosophie, sodann eine Wirkung desChristentums. Aber das Christentum selbst hat — wenigstens in Südeuropa— die ursprünglichen Züge des Heidentums, das es verdrängte, keineswegsgänzlich verwischt. Die spanischen Bauern, welche die Madonna eines Nach-bardorfes beschimpfen und über die Verdienste von rivalisierenden, localenHeiligen unter einander handgemein werden, huldigen noch derselben altenAuffassung der Religion, die in Aegypten die Streitigkeiten zwischen Ombosund Tentyris entfachte 3 , in denen sich der Gegensatz der beiden Städte aufdie religiösen Verhältnisse übertrug.
3) [Tentyris ist das arabische Dendera auf dem westlichen Nilufer nördlich vonTheben. Kiepert, Lehrbuch der alten Geogr. p. 202. Die Ruinen des hier genanntenOmbos wurden erst 1895 von PI in de rs Petrie entdeckt, es ist das ägyptische Nbt, wenig