14 Erstes Kapitel. Einleitung : Gegenstand und Methode der Untersuchung.
sind, sondern die ersten Ansätze zu einer freieren religiösen Spekulation bietenoder den Versuch machen, die reiche Mannigfaltigkeit localer Culte und Re-ligionen zu einem System zu gestalten. In diesem Falle tritt jedoch der se-kundäre Charakter der Mythen noch schärfer hervor. Sie sind entweder Ge-bilde der alten Philosophie, die ihre Reflexion auf das Wesen des Uni-versums richtet. Oder sie verfolgen einen politischen Zweck, indem siezwischen den verschiedenen Culten ursprünglich von einander getrennterStämme, die in einem socialen und politischen Organismus vereinigt sind, dasBindeglied herstellen sollen. Oder endlich sie sind dem freien Spiele derepischen Dichtung zuzuschreiben. Aber Philosophie, Politik und Dichtkunstsind etwas mehr — oder etwas weniger — als reine und einfache Religion.Daran kann kein Zweifel sein, dass die Mythologie in den späteren Periodender antiken Religionen eine zunehmende Bedeutung gewann. Im Kampfe desHeidentums mit dem Skepticismus einerseits, dem Christentum andererseitswaren die Verteidiger der alten überlieferten Religion genötigt, nachneuen Ideen zu suchen, die sie als den wahren, inneren Gehalt der traditio-nellen Formen darstellen konnten. Zu diesem Zwecke griffen sie zu den altenMythen und wandten auf sie eine allegorische Weise der Deutung an. Dermittelst der Allegorie gedeutete Mythus ward ein beliebtes Mittel, um einenneuen Sinn in die alten Formen zu legen. Aber Theorien, die auf diesemWege entwickelt sind, sind zum Verständnis des ursprunglichen Sinns deralten Religionen die deckbar schlechtesten Führer.
Andrerseits sind die alten Mythen, wenn sie nach ihrem natürlichen Sinneohne allegorische Umdeutung verstanden werden, offenbar von grosser Bedeu-tung als Zeugnisse über die herrschenden Anschauungen von der Natur derGötter zu einer Zeit, als sich jene Mythen bildeten. Denn obgleich die ein-zelnen mythologischen Züge keine dogmatische Geltung und keine bindendeAutorität für den Glauben hatten, so ist doch vorauszusetzen, dass in einenMythus nichts aufgenommen wurde, was das Volk jener Zeit nicht bereit ge-wesen wäre, ohne Anstoss zu glauben. Aber soweit die Art der Anschauung,die im Mythus zum Ausdrucke kam, nicht bereits im Ritual ausgedrückt war,hatte sie keine eigentlich religiöse Sanktion. Der Mythus gewährt abgelöst vomRitus nur einen zweifelhaften und unsicheren Nachweis. Bevor wir die My-then mit einiger Sicherheit verwerten können, müssen wir einen bestimmtenAnhalt an den Ideen haben, die im traditionellen Ritual zum Ausdruckkommen, in dem sich die allein sicheren und feststehenden Elemente der Re-ligion verkörpern.
Die Analogie der religiösen und politischen Institutionen.
Von der höchsten Wichtigkeit ist es, sich von Anfang an klar zu ver-gegenwärtigen, dass Ritus und praktischer Brauch den Gesamtinhalt der altenReligionen ausmachten. In primitiven Zeiten war die Religion nicht ein Systemder Glaubensanschauung, das dann in der Praxis seine Anwendung fand; siewar vielmehr die Gesamtheit der feststehenden, überlieferten Bräuche, denensich jedes Glied der Gemeinschaft selbstverständlich anpasste. Die Menschenwären keine Menschen, wenn sie übereinkämen, bestimmte Dinge zu thun,ohne dafür einen Grund zu haben. Aber in den antiken Religionen wurde