Die Abhängigkeit des Mythus vom Ritus. 13
Die Abhängigkeit des Mythus vom Ritus.
In allen antiken Religionen nimmt die Mythologie die Stelle des Dogmasein; d. h. die heilige Lehre, soweit sie nicht aus blossen Regeln für den Voll-zug religiöser Handlungen bestand, nahm bei den Priestern und dem Volkedie Gestalt von Erzählungen über die Götter an, und diese Erzählungen botenfür die Vorschriften der Religion und die festgesetzten Ordnungen des Ritusdie einzige Erklärung. Diese Mythologie aber war genau genommen kernwesentlicher Bestandteil der Religion; denn sie hatte für deren Anhängerkeine geheiligte Bestätigung und keine bindende Kraft. Die mit einzelnenHeiligtümern oder religiösen Ceremonien verknüpften Mythen waren bloss einBestandstück des cultischen Apparates; sie sollten dazu dienen, die Einbil-dungskraft zu erregen und die Teilnahme des Verehrers lebendig zu erhalten.Oft aber wurde ihm eine Auswahl von Berichten über denselben Herganggeboten, und wenn er nur das Ritual genau vollzog, so kümmerte sich nie-mand darum, was er über dessen Ursprung glaubte. Der Glaube an eine An-zahl von Mythen war weder als ein Stück wahrer Religion Verpflichtung,noch nahm man an, dass sich jemand durch Glauben ein religiöses Verdiensterwerben oder die Gunst der Götter erlangen könne. Gegenstand der Ver-pflichtung und verdienstlich war nur die genaue Ausübung bestimmter heiligerHandlungen, wie sie durch die religiöse Tradition vorgeschrieben waren. Wenndem so ist, so folgt daraus, dass die Mythologie nicht die hervorragende Stel-lung einnehmen sollte, die ihr in der wissenschaftlichen Behandlung der altenReligionen oft zugewiesen wird. Soweit Mythen als Deutung ritueller Bräuchebestehen, ist ihr Wert überhaupt ein sekundärer, und man kann wohl mitSicherheit behaupten, dass beinahe in jedem Falle der Mythus aus dem Ritushergeleitet ist und nicht der Ritus im Mythus wurzelt. Denn der Ritus war festbestimmt, und der Mythus war veränderlich; der Ritus war Sache der religiösenPflicht, der Glaube an den Mythus aber, stand im Belieben des Menschen.Nun ist weitaus der grösste Teil der Mythen in den antiken Religionen mitdem Cultus bestimmter Heiligtümer oder den religiösen Bräuchen einzelnerStämme oder Gebiete verknüpft. In allen solchen Fällen ist es wahrschein-lich, in den meisten sicher, dass der Mythus nur die Deutung eines religiösenBrauchs ist, und gewöhnlich eine solche Deutung, wie sie nur entstehen konnte,nachdem der ursprüngliche Sinn des Brauchs mehr oder weniger in Ver-gessenheit geraten war. In der Regel bietet der Mythus keine Erklärung desUrsprungs eines Ritus für irgend jemanden, der nicht glaubt, dass er eine Er-zählung thatsächlicher Vorgänge sei; und auch der kühnste Mythologe wirddas nicht annehmen wollen. Wenn der Mythus aber nicht wahr ist, so er-fordert er selbst eine Deutung; und alle Grundsätze der Philosophie wie desgemeinen Menschenverstandes fordern, dass diese nicht in willkürlichen alle-gorischen Theorien, sondern in den wirklichen Thatsachen des Ritus oderreligiösen Brauches zu suchen ist, auf die sich der Mythus bezieht. Daraus er-giebt sich, dass wir bei der Erforschung der alten Religionen nicht vomMythus, sondern vom Ritus und dem traditionellen Brauch ausgehen müssen.
Gegen diese Folgerung könnte allerdings geltend gemacht werden, dasses gewisse Mythen giebt, die nicht blosse Deutungen überlieferter Bräuche