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Die Religion der Semiten
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12 Erstes Kapitel. Einleitung: Gegenstand und Methode der Untersuchung.

und scharf umgrenztes Bild vom Typus der semitischen Religion zu gewinnen,müssen wir nicht nur die Teile im einzelnen betrachten, sondern müssen vorallem eine klare Anschauung von der Stellung und dem Verhältnis jedes Teilsin seinen Beziehungen zum Ganzen haben. Dabei würden wir sehr in dieIrre gehen, wenn wir es als ausgemacht betrachten wollten, dass die für uns wich-tigste und am meisten hervortretende Seite der Religion gleicherweise für diealte Gemeinschaft, mit der wir es zu thun haben, von Bedeutung war. Mitjeder Religion, gehöre sie der alten oder der neuen Zeit an, finden wir einer-seits bestimmte Glaubensvorstellungen, andrerseits bestimmte rituelle Institu-tionen, Bräuche und Lebensregeln verknüpft. Unsern modernen Anschauungenentspricht es, die Religion mehr nach der Seite ihres Glaubensinhalts als nachder des Brauches zu betrachten. Denn bis in verhältnismässig neue Zeit sinddie einzigen, in Europa ernsthaft erforschten geschichtlichen Formen der Re-ligion die verschiedenen christlichen Kirchen gewesen. Alle Gestalten desChristentums sind aber darin einig, dass der Ritus nur in Verbindung mitseiner Auslegung bedeutsam ist. Das Studium der Religion ist in der Haupt-sache ein Studium der christlichen Glaubensbekenntnisse, und die Unterweisimgin der Religion beginnt gewöhnlich mit dem Glaubensbekenntnis, indem diereligiösen Zweifel dem Lernenden als vor den dogmatischen Wahrheiten dahin-schwindend dargestellt werden, die anzunehmen er unterwiesen wird. Das allesscheint uns so durchaus selbstverständlich, dass wir, wenn wir an eine fremdeoder antike Religion herantreten, es als etwas natürliches ansehen, dass unsereerste Aufgabe sei, nach dem Glauben zu forschen, um in ihm den Schlüsselfür Ritus und Brauch zu finden. ' Aber die antike Religion war zum grösstenTeil nicht ein Glauben; sie bestand hauptsächlich aus Institutionen und Bräuchen.Ohne Zweifel werden die Menschen gewöhnlich nicht bestimmte Bräuche üben,ohne mit ihnen irgend eine Vorstellung zu verknüpfen. Als Regel aber findenwir, dass der Brauch aufs strengste bestimmt war, während die mit ihm ver-bundenen Vorstellungen äusserst unbestimmt waren, und dass der gleicheRitus bei verschiedenen Völkern in verschiedener Weise gedeutet wird, ohnedass sich infolge dessen die Frage nach Orthodoxie oder Heterodoxie erhob.Im alten Griechenland z. B. wurden an einem Heiligtume bestimmte Bräuchegeübt, und das Volk war darin einer Meinung, dass es ein Frevel wäre,nicht so zu thun. Würde man aber gefragt haben, warum die Dinge so ge-schahen, so würde man von verschiedenen Personen wahrscheinlich ganz ver-schiedene, entgegengesetzte Erklärungen erhalten haben, und niemand würdees für eine Sache von der geringsten religiösen Bedeutung gehalten haben,welche von diesen anzunehmen jemandem beliebte. Die gegebenen Erklärungenwürden in der That auch nicht derart gewesen sein, um irgend eine lebhaftereEmpfindung wachzurufen; denn in den meisten Fällen würden es bloss ver-schiedene Erzählungen über die Umstände gewesen sein, unter denen der be-treffende Ritus zum ersten Male entweder auf das Geheiss oder auf das direkteBeispiel des Gottes hin vollzogen wurdet Mit einem Worte: der Ritusstand nicht mit einem Dogma, sondern mit einem Mythusin Zusammen ha n g.