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Die Religion der Semiten
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10 Erstes Kapitel. Einleitung: Gegenstand und Methode der Untersuchung.

Die Semiten in Babylonien und Assyrien.

Es ist ganz naturgemäss, dass diese Gleichartigkeit des Typus an denGrenzen des semitischen Gebiets abgeschwächt erscheint. Im Westen wennwir die überseeischen Kolonien ausser acht lassen zogen die natürlichenVerhältnisse eine scharfe Scheidelinie zwischen den Semiten und ihren frem-den Nachbarn. Das rote Meer und die Wüste im Norden desselben bildeteneine geographische Schranke, die zwar von der Expansionskraft der semiti-schen Rasse oftmals durchbrochen wurde, die aber das Vordringen afrikani-scher Völkermassen nach Asien wirksam gehemmt hat. Der Osten dagegen,die fruchtbare Tiefebene des Euphrat und Tigris, scheint in alter wie neuer Zeitein Sammelplatz verschiedener Rassen gewesen zu sein. Die vorherrschende An-sicht der Assyriologen ist, dass die Cultur Assyriens und Babyloniens nicht reinsemitisch war, und dass die alte Bevölkerimg dieser Gebiete ein starkes, vor-semitisches Element enthielt, dessen Einfluss besonders in der Religion und derheiligen Litteratur der keilinschriftlichen Urkunden zu erkennen sei.

Wenn dem so ist, so ist klar, dass das Material aus den Keilinschriftenin unserer Untersuchung der traditionellen, für die alten Semiten charak-teristischen Religion nur mit Vorsicht zu benutzen ist. Dass Babylonien füreine vergleichende Erforschung des religiösen Glaubens und Brauches dersemitischen Völker der beste Ausgangspunkt sei, ist eine Ansicht, che neuer-dings zu einiger Geltung gelangt ist. Auf den ersten Blick erscheint sie auchannehmbar in Anbetracht des hohen Alters des monumentalen Beweismaterials.Aberalt" undursprünglich" fallen bei derartigen Verhältnissen nicht not-wendig zusammen; und wir dürfen die ursprünglichste Gestalt der semitischenReligion nicht in einem Gebiete suchen, dessen Culturverhältnisse nichtursprünglich waren. "~In Babylonien beruhte das gesamte Culturleben wiegleicherweise die Religion auf der Mischung zweier Rassen; es war nichtprimitiv, sondern zusammengesetzt. Ueberdies trägt das officielle System derbabylonischen und assyrischen Religion, wie es uns aus priesterlichen Textenund öffentlichen Inschriften bekannt ist, deutliche Merkmale, dass es allesandere eher ist als eme Darstellung des volkstümlichen, überlieferten Glaubens.Es ist durch Priesterschaft und Staatsgewalt in der gleichen Weise künstlichausgebildet wie die officielle Religion des alten Aegypten, das heisst: es ist einefür Regierungszwecke veranstaltete, künstliche Combination aus Elementen, dieeiner Anzahl localer Culte entlehnt waren. Höchst wahrscheinlich war diewirkliche Religion der Volksmassen weit einfacher als das officielle System;und für die späteren Zeiten würde sich ergeben, dass Religion und Volkstumin Assyrien sich von dem der angrenzenden aramäischen Gebiete kaum unter-schied. Mit diesen Ausführungen soll nicht die grosse Wichtigkeit der Keil-schriftforschung für die Geschichte der semitischen Religion bezweifelt w r erden.Die Angaben der Denkmäler sind wertvoll für eine Vergleichung mit dem,was wir vom Glauben und Cultus anderer semitischer Völker wissen, und be-sonders smd sie bedeutsam, weil die Cultur der Euphrat-Tigris-Niederung inder Religion wie in anderer Hinsicht auf einen grossen Teil der semitischenWelt einen erheblichen historischen Einfluss ausgeübt hat.