Der Inhalt des Begriffes „ Semitisch -
Der Inhalt des Begriffes „S ernitiscli".
Bei dieser Ausführung setzte ich als zugestanden voraus, dass wir, wennwir auf die ältesten religiösen Anschauungen und Bräuche der Hebräer zurück-gehen, dieselben als den gemeinsamen Besitz einer Gruppe verwandter Völker,nicht aber als das ausschliessliche Eigentum der Stämme Israels finden. DerBeweis dafür wird in den nachfolgenden Untersuchungen immer schärfer her-vortreten ; dass dem aber in der That so ist, wird kaum von jemand bestrittenwerden, der das A. T. sorgsam gelesen hat. | In der Geschichte des altenIsrael vor der Gefangenschaft tritt nichts deutlicher hervor, als dass es fürdie breite Masse des Volks die grösste Schwierigkeit hatte, eine scharfeScheidung zwischen ihrer nationalen Religion und derjenigen der umgebendenVölker aufrecht zu erhalten. Solche, die für die geistigen Principien kein Ver-ständnis hatten und die Jahwereligion nur als eine Angelegenheit des ver-erbten Herkommens betrachteten, waren sich kaum eines grossen Unterschiedszwischen sich selbst und ihren heidnischen Nachbarn bewusst und verfielensehr leicht in kanaanitische und sonstige fremde Culte. Die Bedeutungdieser Thatsache ist offenkundig, wenn wir bedenken, wie tief das ganz un-gebildete religiöse Empfinden durch Neuerungen irgend welcher Art erschüttertwird. Nichts bestärkt so sehr die Neigung zu einem konservativen Verhaltenwie die Religion, und das konservative Verhalten ist der den Orientalen eigen-tümliche Charakterzug. Die ganze Geschichte Israels ist unverständlich, wennwir voraussetzen, dass das Heidentum, wie es die Propheten bekämpften, einim Bestände der religiösen Uebeiiieferung der Hebräer gänzlich fremdes Ele-ment war. In den Grundideen bestand der denkbar grösste Gegensatz zwischendem Glauben eines Jesaia und dem eines Götzendieners. Aber der Gegensatzin den Grundanschauungen, der uns so klar zu sein scheint, war für denDurchschnitt des jüdischen Volks nicht klar; und der Grund dafür lag darin,dass er verdunkelt wurde durch die grosse Aehnlichkeit in vielen wichtigenPunkten der religiösen Ueberlieferung und der rituellen Bräuche.
Der Konservativismus, der es abweist, tiefer auf die Principien einzugehenund nur für die Ueberlieferung und das Herkommen einen Blick hat, wendetesich gegen die Propheten und hatte keine Sympathie für ihre Bemühungen,eine scharfe Grenze zwischen der Religion Jahwes und der der fremden Götterzu ziehen. Das ist ein Beweis dafür, dass das, was ich als die natürlicheBasis der Gottesverehrung in Israel bezeichnen möchte, aufs Engste mit denbenachbarten Gülten verwandt war.
Diese Folgerung, die sich aus den Thatsachen der alttestamentlichenGeschichte ergiebt, kann um so leichter Annahme finden, als sie durch durch-schlagende Gründe anderer Art bestätigt wird. Traditionelle Religion wirdvom Vater dem Kinde überliefert und ist daher in grossem Masse Sache derRasse. Nationen, die gleichen Stammes sind, werden auch einen gemeinsamenvererbten Besitz von Glauben und Brauch haben, sowohl in heiligen wie inprofanen Dingen. Und so fällt der Nachweis, dass die Hebräer einen grossenTeil ihrer religiösen Ueberlieferung mit ihren Nachbarn gemein, hatten,zusammen mit der aus andern Gründen feststehenden Thatsache, dass das VolkIsrael den heidnischen Völkerschaften Syriens und Arabiens aufs engste ver-