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Die Religion der Semiten
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2 Erstes Kapitel. Einleitung : Gegenstand und Methode der Untersuchung.

positive Religion, die je die Menschheit bewegt hat, hat die Fähigkeit be-sessen, einen neuen Anfang zu machen und sich selbst so darzustellen, alsob hier zum erstenmal Religion zur Erscheinung käme. In seiner Form,wenn auch nicht dem Inhalte nach, muss das neue System in stetem Zusammen-hange mit den älteren Anschauungen und Gebräuchen bleiben, die es als dieherrschenden vorfindet.

Eine neue Form des Glaubens kann nur Anklang finden, wenn sie sichan das religiöse Bewusstsein wendet, an die Empfänglichkeit, die in den Hö-rern bereits vorhanden ist. Auf diese aber kann sie kernen Einfmss ge-winnen, ohne auf die herkömmlichen Formen Rücksicht zu nehmen, in denensich alles religiöse Empfinden verkörpert, und ohne eine Sprache zu reden,die den an die alten Formen gewöhnten Menschen verständlich ist. Um daherein System der positiven Religion völlig zu begreifen, um es sowohl nachseiner geschichtlichen Grundlage und Gestalt wie nach sehten inneren Grund-gedanken zu verstehen, müssen wir die ihm voraufgehende, auf Ueberlieferungberuhende Religion kennen. Dies ist der Gesichtspunkt, unter dem wir hierdie alte Religion der semitischen Völker betrachten Avollen; der Gegenstandist nicht von lediglich antiquarischem Interesse, sondern hat auch eine un-mittelbare und wichtige Beziehung zu der grossen Frage nach dem UrsprüngederTvergeistigten Religion der Heiligen Schrift.

Nur an einem Beispiele mag dies veranschaulicht werden. Es ist all-bekannt, ein wie bedeutsames Stück in der Lehre des N T. und in jederchristlichen Theologie auf die Idee des Opfers und des Priestertunis zurück-geht. Bei allem, was die neutestamentlichen Schriftsteller über diese Haupt-stücke ausführen, setzen sie als Grundlage ihrer Beweisführung die Anschauungvom Opfer und Priestertum voraus, wie sie im Judentum lebte und in dencultischen Ordnungen des Tempels ihren Ausdruck fand. Das Ritual desTempels aber war in seinem Ursprünge nicht eine völlige Neuschöpfung. DieBestimmungen des Pentateuch haben Priestertum und Opferdienst nicht aufeiner gänzlich unabhängigen Grundlage geschaffen; sie haben vielmehr imEinklang mit einer mehr vergeistigten religiösen Lehre Institutionen weit älterenCharakters, die in manchen Einzelheiten den Hebräern mit ihren heidnischenNachbarn gemein waren, nur neugestaltet und umgeformt. Jedem, der dasA. T. aufmerksam liest, tritt die Thatsache entgegen, dass Ursprung undGrund des Opfers nirgends ausreichend erklärt sind. Dass das Opfer einwesentlicher Bestandteil der Religion ist, wird als allgemein zugestanden an-genommen, als etwas, was nicht eine Israel eigentümliche Lehre ist, sondernwas ausserhalb wie innerhalb der Grenzen des auserwählten Volkes anerkanntund geübt wird. So werden wir, wenn wir tiefer in das Verständnis des N. T.einzudringen suchen, Schritt für Schritt zurückgeführt, bis wir einen Punkterreichen, wo wir fragen müssen, welche Bedeutung das Opfer hat nichtfür die alten Hebräer allein, sondern für den ganzen Völkerkreis, in dem sieein Glied bildeten. Durch derartige Erwägungen gelangen wir zu dem Er-gebnis, dassl keine der Religionen semitischen Ursprungs, die auf das Lebender Menschen noch immer einen so bedeutenden Einfluss ausüben, völlig ver-standen werden kann ohne eine Untersuchung der älteren, traditionellen Re-ligion der semitischen Rasse.