DIE SAGE VON ATHIS UND PROPHILIAS. 365
der Empfang bei den übrigen. Bei Alfonsus kehrt der ägyp-tische Kaufmann nach Bagdad zurück, bei Thomas wird demHeiden, nachdem er die Taufe empfangen hat, eine Verwandtedes Freundes gegeben, wie dem Athis die Schwester des Pro-philias oder dem Gisippus die Schwester des Titus, und erkehrt wie diese nicht wieder in seine Heimath zurück.
Der Schauplatz ist in diesen orientalischen ErzählungenÄgypten, Bagdad und Babylon, wie bei den anderen Athen undKom. Der Hauptunterschied besteht aber darin, dass nicht die 202Freundschaft, sondern eine alle Grenzen überschreitende Gross-muth soll verherrlicht werden. Wenn nebenbei auch der ausder Begegnung natürlich sich entwickelnden Freundschaft ge-dacht wird, so ist sie doch nicht der eigentliche Grund derAufopferung. Auf diese Weise ist der Mittelpunkt der Sageverrückt und ein anderer Gang der Ereignisse herbeigeführtworden. In der persischen Erzählung des Dschemaleddin undder arabischen des Alfonsus, den ältesten und reinsten, ist garkein Freundschaftsbund vorangegangen. Die beiden Träger derGeschichte haben sich, wie bei Dschemaleddin, vorher gar nichtgesehen, oder sie kennen sich bloss durch Unterhändler: easind lediglich die Gesetze der Gastfreundschaft, welche dieGrossmuth veranlassen. Noch heute ist es im Orient herkömm-lich, dass, sobald jemand die Sache eines anderen rühmt oderden Wunsch äussert sie zu besitzen, der Eigenthümer sagt:»sie gehört dir«, wenn es auch nur Höflichkeitsformel ist. Umden Gegenstand der Liebe seines kranken Gastes zu entdecken,lässt der ägyptische Kaufmann ihm seine Sklavinnen vorführen,wobei die bekannte Sage von Antiochus und Stratonika magEinfluss gehabt haben. Auf diese Weise fällt die Vertauschungder beiden Freunde in der Brautnacht weg, wie der längereZeit durchgeführte Betrug. Endlich hat der ägyptische Kauf-mann, als ihn das Unglück nach Baldach führt, keine Ursache,an der Treue des Freundes zu zweifeln: er sucht nur den Tod,um seinem Missgeschick ein Ende zu machen.
Die Grossmuth wird in einigen Darstellungen noch ge-steigert, und die beiden Freunde überbieten sich darin, wennder, welcher die Frau des anderen empfangen hat, sie zuletzt