3(36 DIE SAGE VON ATHIS UND PROPHILIAS.
unberührt wieder zurückgibt. Attaf verhehlt nicht bloss seinemGast, dass es seine Frau ist, die er liebt, er räumt auch dieHindernisse hinweg, die einer Verbindung mit ihr im Wegestehen. Unnatürlich erscheint die Grossmuth Attaf's, wenn ersich für den Mörder einer in seinen Garten gelegten Leicheerklärt, bloss um seinen Nachbarn eine Geldstrafe zu ersparen,die er ihnen erstatten konnte. Dagegen durfte er seiner Ge-sinnung nach die Aufopferung des Kerkermeisters, der ihn ent-fliehen lässt, nicht annehmen. Ein Beispiel wie der innere Zu-sammenhang einer Sage kann verdunkelt und ganz zerstörtwerden.
Die Erzählung des 1001 Tags, wiewohl im Ganzen mit der1001 Nacht übereinstimmend, hat mit der Auffassung bei Cayluseinen eigentümlichen, doch auch wieder verschieden ausge-203 drückten Zug gemein. Als der verarmte Freund vor dem Pa-last des anderen Hilfe suchend erscheint, weist ihn dieser zwarzurück, aber mit Milde. Er soll zuvor den Versuch machen,ob sich das Glück ihm zuwende; sobald die Zeichen davon er-scheinen, überhäuft er ihn mit seiner Gunst und mit seinen• Schätzen. Das ist eine Anknüjrfung an eine andere schöne, ge-wiss echte Volkssage, zumal wenn der Unglückliche die Herdedes Königs eine Zeit lang hüten muss, die in den ersten beidenJahren sich verringert, in dem dritten aber sich dreifach vermehrt.
In den orientalischen Überlieferungen wird der an der Brautverübte Betrug ausgeschieden, der allerdings in der Darstellungdes altfranzösischen Gedichts und bei Boccaccio anstössig undwiderwärtig ist: wenn ich darin Recht habe, dass die uralteSage von den Blutsbrüdern hier noch fortdauert, wo der Freund,durch ein Schwert getrennt, neben der Frau des anderen schuld-los ruht, so ist abermals ein bedeutungsvoller Zug entwederentstellt oder ganz unterdrückt worden. Dagegen bildet in demNegermärchen die Freundschaft wieder die Grundlage, und dieAufopferung des Kindes ist damit verknüpft, um mit dessen Blutdie Krankheit des Freundes zu heilen; vgl. Athis S. 46 [= S. 246 f.].
Wilhelm Grimm.