DIE SAGE VON ATHIS UND PROPHILIAS. 363
geht die Überlieferung in die Sage von den Blutsbrüdern über,indem der Arme sein Kind opfert, um den Reichen von einerKrankheit zu heilen.
Diese neun, sichtbar verwandten Überlieferungen gestatteneine Vergleichung der weit verbreiteten Sage, die uns zu einemnäheren Verständnis ihrer Entstehung und Fortbildung führt.
Zwischen dem altfranzösischen Gedicht und dem Decameronfindet eine engere Verwandtschaft statt. In beiden ist derSchauplatz zu Athen und Rom, und die Ereignisse entwickelnsich auf gleiche Weise. Dennoch kann jenes nicht die Quelledes Boccaccio gewesen sein. Zwar die völlig verschiedenenEisennamen machen nichts aus, und dass eine bestimmte Zeitangegeben ist, die Zeit, wo Octavian in Rom herschte, könnteeine absichtliche Änderung sein: aber einige an sich unbe-deutende Verschiedenheiten, zu denen kein Grund vorhandenwar, weisen auf eine andere Abstammung. So ist bei ihm nichtdie Rede davon, dass der Athenienser soll nach Rom gesendetwerden: die beiden Väter sterben nicht, und Evas Krankheitist nur Veranlassung, den Prophilias nach Rom zurückzurufen.Prophilias zieht der Cardiones, nachdem er ihre Gunst genossenhat, einen Ring vom Finger, der hernach als Zeugnis dient:anders bei Boccaccio, wo eine Formel gebraucht wird, um demBetrug in der Nacht einen Schein des Rechts zu geben: Gi-sippus nämlich fragt zuvor die Braut, ob sie seine Frau seinwolle, und nachdem sie, die glaubt, Titus liege an ihrer Seite,ja geantwortet hat, steckt er ihr einen Ring an den Finger, alshabe er sie damit gesetzlich erworben. Nur bei Boccaccio istvon der Einmischung der Verwandten der Sofronia, von demStreit mit Titus und dessen endlicher Beilegung die Rede; Auchdie Lage des aus Athen vertriebenen Gisippus wird etwas ver-schieden erzählt: es ist natürlicher, dass bei dem frühen MorgenDiebe in die Höhle kommen, worin Gisippus liegt, um ihrenRaub zu theilen, und darüber in Zank gerathen, als dass beieinbrechender Nacht drei Jünglinge erscheinen, um an der ödenStätte ihre Freundinnen zu erwarten, und dass auf eine an sichunwahrscheinliche Weise der Mord des einen herbeigeführtwird. Angemessener ist das reumüthige und sühnende Be-