348 DIE SAGE VON ATHIS UND PROPHILIAS.
Reichthümer zum Geschenk, und Gayete, die Schwester desProphilias, wird ihm zugesagt.
2. Weil sie dem französischen Gedicht am nächsten steht,lasse ich eine Erzählung aus dem Decameron (10, 8) des Boc-caccio folgen, der in der Mitte des 14. Jahrhunderts schrieb 1 ).187 Zu der Zeit, wo Octavianus noch nicht Augustus genannt
ward, sendete ein edler Bürger in Rom, Publius Quintius Fulvus,seinen Sohn Titus nach Athen zu seinem Freund Cremes, dortunter Anleitung des Aristippus Philosophie zu studieren. Titusund der Sohn des Cremes, Gisippus, verbinden sich durch innigeFreundschaft. Cremes stirbt, und bald nachher verlobt sich Gi-sippus mit einer edlen Athenienserin, Namens Sofronia. Erführt seinen Freund zu der Braut, und dieser wird bei ihremAnblick von leidenschaftlicher Liebe ergriffen. Er erkranktdeshalb und entdeckt endlich dem Gisippus den wahren Grundseiner Leiden. Um ihn zu retten, entschliesst sich dieser, ihmseine Braut abzutreten. Er will ihn in der Hochzeitsnacht un-bemerkt zu dem Bett der Sofronia bringen, und es wird allesder Verabredung gemäss ausgeführt. Als Titus die Stelle desGisippus eingenommen hat, fragt er die Jungfrau mit gedämpfterStimme, ob sie seine Gemahlin sein wolle. Sie, die ihn fürGisippus hält, antwortet ja, worauf er ihr einen King an denFinger steckt und spricht: »So will ich dein Gemahl sein«.Als seine Wünsche erfüllt sind, entfernt er sich, und diese Täu-schung wird längere Zeit hindurch fortgesetzt.
Indessen kommt Nachricht, dass Publius, der Vater desTitus, gestorben ist. Titus, um seine Angelegenheiten zu ordnen,soll nach Rom zurückkehren. Er will Sofronia mitnehmen, ihrmuss daher die wahre Lage der Dinge eröffnet werden. Sieklagt über den gespielten Betrug und entdeckt ihn ihren Eltern.Es entsteht eine grosse Aufregung und ein heftiger Streit. Gi-sippus wird von allen gehasst und schwerer Strafe würdig ge-achtet. Doch Titus in einer kunstreichen sophistischen Rede
') Diese Erzählung ward in Italien so hochgeschätzt, dass zwei lateinischeÜbersetzungen erschienen, die eine von Filippo Beroaldo, die andere von demCardinal von Montepulciano, Roberto Nobih, der sie unter dem Titel BoccacciiGisippus sive de amicitia dem Papst Julius III widmete.