274 ATHIS UND PROPHILIAS.
übersponnen war, noch hindurch leuchtete, wie etwa HartmannsErek dieser Vorzug geblieben ist.
Ich vermuthe, die ursprüngliche Quelle dieses ersten Theilsist eine neugriechische Bearbeitung der Sage von den beidenFreunden gewesen, abgefasst etwa im elften Jahrhundert unterden macedonischen Kaisern, als die Kriegskunst im Verfall, dieWissenschaften in Blüthe waren: denn aus diesem Grunde willAthis nach Rom gehen und kommt Prophilias nach Athen.Wie die erwähnte kunstgerechte Anordnung des Ganzen unddie vorhin angedeuteten sittlichen Eigenschaften der handelndenPersonen auf diese Heimat hinweisen, so auch die Eigennamen,der Schauplatz der Ereignisse, der ausdrücklich hervorgehobeneGegensatz der Sprache in Sicilien und Rom, auch wohl das397 Zelt mit mythologischen Bildern; ja der Tempel der Venus,5:i der Hafen und der Spaziergang beider Freunde am Meer inder Nähe von Athen scheinen Kenntnis der Ortlichkeit zu ver-rathen. In dem zweiten Theil kommt nichts der Art vor, unddoch war noch mehr Veranlassung dazu gegeben: wer einiger-massen die Lage von Athen kannte, würde bei der Belagerungder Stadt des Piräeus oder der Akropolis gedacht haben. Alsoauch auf diesem Wege gelangen wir zu dem Schluss, dass derzweite Theil nichts enthält, als eine gehaltlose Fortsetzung desälteren, von einem Abendländer hinzugefügt; ob von dem la-teinischen Bearbeiter oder dem französischen Dichter, muss da-hingestellt bleiben. Änderungen und Zusätze mag auch dererste Theil in diesen Händen erfahren haben, denn das Schleifenan den Haaren durch den Koth (* vgl. Passional 201, 92. 93,212, 38. 39. 323, 65. 329, 13. 75 folg., Helbling 4, 378 *)und die Ausstellung in Ketten, beides muss Athis erdulden, war(soviel ich weiss) weder bei den Griechen noch Römern be-kannt, aber Ähnliches in Frankreich, Deutschland und England(Rechtsalterthümer S. 659. 725—726). Eine Spur des ver-mutheten byzantinischen Werks aufzufinden habe ich mich je-doch vergeblich bemüht.