ATHIS UND PROPHILIAS. 273
zelnen Herzogen beherrscht wird und dieses Verhältnis den Ein-richtungen der lateinischen Kaiser entspricht. Es ist möglich,der erste Dichter kannte nur abendländische Verfassungen, und dieÜbereinstimmung war zufällig: aber wahrscheinlicher dünkt michdoch, dass der wirkliche Zustand Griechenlands, der in Frank-reich am wenigsten unbekannt bleiben konnte, der Dichtungzum Vorbild gedient habe. Dann muss man den Schlnss gelten 396lassen, dass die vorausgesetzte lateinische Quelle, das französische 52und das deutsche Gedicht in den ersten acht bis zehn Jahrennach der Erhebung der lateinischen Kaiser entstanden, alsoziemlich nahe auf einander gefolgt seien; denn etwa bis zumJahr 1214 könnte Athis, wie Herbort, noch vorgerückt werden.Es ist wahr, die Sprache hat mehr Alterthümliches, als in denhochdeutschen Gedichten dieser Zeit vorkommt, aber ich habeschon bemerkt, dass dies durch die Mundart länger erhaltenwird. Dann kann jener Alexander, der sich im französischenGedicht als Verfasser nennt, nicht leicht Alexander von Bernaysein: sonst müsste Athis mindestens fünfundzwanzig Jahre späterentstanden sein, als das grosse Gedicht, an dem er gemein-schaftlich mit Lambrecht li Cors soll gearbeitet haben; Ginguenebehauptet, Athis sei sein erstes Gedicht gewesen, ich weiss nichtaus welchem Grunde, angegeben hat er keinen.
Der Inhalt des ersten Theils verräth ein höheres Alter.Von einer künstlerischen Anordnung, die Personen und Ereig-nisse einander gegenüberstellt und im Gleichgewicht hält, wusstendie französischen Dichter nichts: wenn etwas davon hier be-merkbar ist, so sehe ich darin nur Beachtung eines herkömm-lichen Gesetzes ohne Bewusstsein von dem Grund desselben,etwa wie in Gemälden des elften und zwölften Jahrhunderts,die auf byzantinische Schule hinweisen, die überlieferte Regelselbst bei ungelenker Zeichnung und technischer Unvollkommen-heit beibehalten erscheint. In Prankreich wie in Deutschland(Gottfried und Wolfram ausgenommen, kaum Hartmann) dachteman nur an sinnlich belebte Auffassung des empfangenen Stoffsoder an reiche Ausschmückung des Einzelnen: ein Glück, wenndie ursprüngliche Bedeutung der Sage, nachdem sie mehrmals
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