ATHIS UND PROPHILIAS. 267
absichtliche Erfindung, die nichts Ausserordentliches zeigt, abereine kunstgemässe Anordnung mit symmetrischer' Vertheilungerkennen lässt. Man merkt die Absicht, Verhältnisse und Zu-stände herbeizuführen, welche in Spannung versetzen und. dieFreunde in die bedenklichsten und peinlichsten Lagen bringen,damit nur ihre Aufopferung recht glänzend erscheine. Weilaber das Seltsame und Unglaubliche, das die echte Volkssageunbesorgt vorbringt, hier als etwas Natürliches erscheinen soll,so kommen innere Unwahrscheinlichkeiten und Widersprüchehervor. Dass Prophilias und Cardiones an dem durch Elendund dürftige Kleidung entstellten Athis vorüberreiten, ohne ihnzu erkennen, lässt sich erklären, und es könnte dabei bestehen,dass Prophilias ihn hernach, als er in Ketten ausgestellt ist,sogleich erkennt, weil er ihn wohl aufmerksamer betrachtet:aber warum gibt sich Athis nicht ohne Weiteres zu erkennen?Hat er Ursache, eine unfreundliche Aufnahme zu erwarten?Ohne Noth entschliesst er sich gleich zu dem Ärgsten, zum 392freiwilligen Hungertod. Dieser ist gewählt, damit ihn die Ver- 48zweiflung in eine Felsenhöhle treibe und er Zeuge eines aufziemlich erzwungene Weise veranlassten Mordes werde, den erauf sich nimmt, bloss um den Tod zu finden. Er konnte ehren-voller dazu gelangen, wenn er dem angefallenen Jüngling Bei-stand leistete: aber dann hatte Prophilias keine Gelegenheitsich als Opfer für ihn darzubieten. Nicht sehr wahrscheinlichist der Ausweg, wodurch die Unschuld des Athis an den Tagkommt: die Mörder kehren freiwillig in die Stadt zurück undverrathen sich durch unvorsichtige Reden auf dem offenen Markt.Der zweite Theil steht mit dem ersten in keinem wahrenZusammenhang. Zwar treten die beiden Freunde darin auf,aber sie sind nicht mehr Hauptpersonen, sondern zufällige Theil-nehmer an dem Streite anderer, die sie eigentlich nichts an-gehen und die in dem ersten Gedicht nicht einmal genanntwerden. Der Inhalt verräth keinen besonderen Aufwand vonErfindungsgabe: er ist ohne Knoten und Entwickelung und ohnenothwendigen Schluss; das Ganze beherrscht kein anderer Ge-danke, als der Preis persönlicher Tapferkeit, die übermüthigund ohne Grund den Kampf veranlasst. Bilas zwar soll eine