266 ATHIS UND PROPHILIAS.
mächtigkeit an. Gemeinschaftliche oder doch häufig wieder-kehrende Züge der Sage sind folgende. Der eine, zumal wennZwillingsähnlichkeit beider Freunde hinzukommt, nimmt, durchdie Umstände gedrängt, Nachts die Stelle des anderen in demEhebette ein, trennt sich aber durch ein zwischengelegtesschneidendes Schwert von der Frau. Er vertritt den anderenim Kampf eines Gottesurtheils, weil dieser schuldbewusst denSieg nicht hoffen darf. Noch härtere Prüfungen folgen, der391 eine, weil ihn der Aussatz überfallen hat, wird aus der Ge-4:7 meinschaft der Menschen verbannt, muss Haus, Weib und Kindverlassen und wird als ein bereits Gestorbener betrachtet; GottesStimme offenbart, dass nur durch reines Blut diese Krankheit,die für die furchtbarste galt, geheilt werden könne: jetzt zaudertder andere nicht, seine eigenen Kinder zu tödten, um mit ihremBlut dem Freunde die Gesundheit oder eigentlich das Lebenzurückzugeben.
Diese Züge schimmern im Athis durch, wenn auch gestört,verwirrt oder abgeblasst. Entschuldigt wird Prophilias, wenner in der Hochzeitnacht bei der Frau des anderen ruht, weilihn der Freund selbst dazu aufgefordert hat, und Cardiones, dievon dem Trug nichts weiss, bleibt schuldlos; durch diese Wen-dung ist das Schwert zwischen beiden unpassend geworden,wie, im Gegensatz zu der Edda, in der Erzählung der Niflunga-saga gleicherweise Siegfried die Gunst der Brünhild wirklichgeniesst und ihr dann den Ring abzieht (Heldensage S. 362).Warum Athis in den armseligsten Zustand geräth und sichselbst verbannt, begreifen wir nicht recht: «der widerliche* Aus-satz stimmte nicht zu der «vornehmen* Haltung des Gedichts,auch nicht eine übernatürliche Heilung desselben: aber erscheint mir angedeutet, wenn Athis von allen geflohen wirdund hernach in Lumpen gehüllt vor dem Thor des reichen Pro-philias liegt, oder wenn er sich (A 28) ein unreiniz wicht nennt;auch der Verlust seines Erbes (D 76) zeigt wohl den rechtlosenZustand des Miselsüchtigen an. Der Kampf für den schuld-bewussten Freund kommt nicht vor, dagegen ist Prophilias be-reit, die Strafe für ein vorausgesetztes Verbrechen zu über-nehmen. Den sonstigen Inhalt des Gedichts betrachte ich als