ATHIS UND PROPHILIAS. 257
müssen eilig entfliehen: bemerkt man uns und es kommt anden Tag, dass wir die Thäter sind, so ist unser Verderben ge-wiss«. Aber ein Anwesender vernimmt diese Worte und klagtbeide sogleich öffentlich des Mordes an. Man sieht, dass ihreHände noch mit Blut befleckt sind: sie werden festgehaltenund an die Kette geschlossen, an welcher bisher Prophilias ge-standen hat. Jetzt bekennen sie ihr Verbrechen und erleidendie Strafe. Athis und Prophilias umarmen sich und erzähleneinander ihre Schicksale. Athis wird dem Evas und den Ver-*A i1wandten des Prophilias vorgestellt und erhält von Evas, der ihn Ae *wie seinen Sohn betrachtet, grosse Geschenke an Ländereien,Geld und Edelsteinen.
7. Bald hernach feiert man das Fest der Entführung derSabinerinnen. Athis erblickt hier Gayete, die Schwester desProphilias, erst sechzehn Jahr alt, aber von wunderbarer Schön-heit. Er empfindet alsbald die heftigste Liebe zu ihr, hält sieaber geheim, weil Bilas, der König von Sicilien, um sie ge-worben hat; auch Gayete fühlt Neigung zu Athis. Die Liebemacht den Jüngling krank, vergeblich sucht Prophilias, der dasGeheimnis nicht kennt, ihn zu trösten. Gayete, als sie den Zu-stand des Geliebten erfährt, fällt in Ohnmacht. Evas besuchtden Kranken, befühlt Haupt und Puls und findet diesen ruhig.Beim Weggehen spricht er zu Prophilias: »Diese Krankheitmacht mir umsomehr Kummer, als ich die Absicht hatte, demAthis deine Schwester zur Gemahlin zu geben, nicht dem KönigeBilas«. Der Kranke beklagt, als niemand zugegen ist, sein Ge-schick: er glaubt in der Verwirruno; des Geistes die Geliebtezu erblicken und will sie umarmen; wieder zu sich gekommenempfindet er um so lebhafter sein Unglück. Auch die trostloseGayete vergiesst Thränen über ihn. Prophilias begreift, dassLiebe allein die Ursache der Krankheit sei, aber er weiss nicht,wen Athis liebt, seine Frau oder seine Schwester: aber sei esdie Eine oder die Andere, er will sie ihm überlassen: molt pertqui pert un bon ami. »Wäre es Gayete«, spricht er zu sichselbst, »mit welcher Freude wollte ich sie ihm zuführen«. 'BeiTagesanbruch eilt er zu Athis: er dringt darauf, ihm die Ur- :S84sache seiner Leiden zu entdecken, wagt aber nicht, von der 40
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