256 ATHIS UND PROPHILIAS.
an Athis vorbei, ohne ihn anzureden, da seine ärmliche Kleidungund seine Magerkeit ihn bis zur Unkenntlichkeit entstellt haben.Allein Athis sieht darin Absicht und überlässt sich alsbald denschwärzesten Gedanken. Er begibt sich in eine Felsenhöhlevor der Stadt mit dem Vorsatz, darin Hungers zu sterben.Unter Klagen über sein Geschick bricht die Nacht ein.
5. Das Wetter ist schön. Drei Jünglinge kommen ausder Stadt und nähern sich der Höhle, wo Athis liegt: sie er-warten ihre Freundinnen, die eine Zusammenkunft verheissenhaben. Einer von ihnen beginnt in seiner Ungeduld die Ge-liebte des anderen zu schmähen. Der Beleidigte zieht seinSchwert, der dritte vereinigt sich mit ihm, und jener Unvor-
A sichtige fällt unter ihren Streichen. Nach vollbrachter Thatentfliehen die Beiden. Athis verlässt die Höhle und will demUnglücklichen Beistand leisten, aber zu spät. Er entschliesstsich, dieses Ereignis zu benutzen, um seinem eigenen verhasstenLeben ein Ende zu machen. Er wälzt sich auf der Leiche,befleckt sein Gewand mit Blut und erwartet den Tag, damitman ihn in diesem Zustand bei dem Ermordeten finde. So ge-schieht es in der That, er wird ergriffen und vor die Richtergeführt, die ihn, da er sich selbst als schuldig angibt, zum Todverurtheilen. Einige von den Richtern bemerken jedoch, es seiunglaublich, dass ein Fremder einen, den er nie gesehen habe,umbringe und so lange verweile, bis man ihn gefangen nehme.
6. Es war Sitte zu Rom, den Yerurtheilten drei Tagelang öffentlich auszustellen: und so geschieht es auch mit Athis.Zufällig geht Prophilias vorüber und erkennt seinen Freund.Eingedenk der Opfer, die dieser ihm gebracht hat, zaudert er,
383 um ihn zu retten, keinen Augenblick, sich für den Thäter aus-39 zugeben und klagt sich selbst vor dem Gericht an. Jetzt einWettstreit zwischen beiden Freunden: jeder will für den An-*At> deren sterben. Die Angehörigen des Prophilias, der die StelleA °* des Athis eingenommen hat, sind trostlos, zumal als der zweiteTag vorüber ist. Indessen kehren die zwei entflohenen Mördernach Rom zurück, wo sie vernehmen-^ was geschehen ist, undauf dem öffentlichen Platz den an die Kette geschlossenen Pro-philias erblicken. Der eine raunt dem anderen zu: »Wir