242 ATHIS UND PROPHILIAS.
frauliche Schüchternheit, mit welcher Gaite die Brautkammerbetritt, wird anmuthig geschildert. Der Ausdruck dabei ist ge-bildet und manchmal gewählt.
Gleiche Art und Kunst finden wir bei Veldeke und Otto.Auch hier eiliges Vorüberschreiten an den Ereignissen und wohl-gefälliges Stillestehen bei den einzelnen Erscheinungen oder beiden Seelenzuständen der handelnden Personen. Es ist auf-fallend, wie besonders Otto immer, von Neuem (78. 188. 231.1532. 1831. 2161. 2717. 2747. 3386. 3546. 3737. 4159. 4208)versichert, dass er lange Rede meiden müsse: aber er beschreibtauf das Weitläuftigste die Kleidung der Kaiserin (3570 f.) oderdie Rüstung des Eraclius (4685 f.) und gefällt sich in den Selbst-betrachtungen der Frau (2594—2640. 2755—2818. 3616—3644)und des verliebten Jünglings (2860—2910), oder in den häufigenWechselreden, in welchen die Handelnden ihre Gesinnung anden Tag legen. Auch Veldeke malt, wo sich nur Gelegenheitzeigt, Beiwerke mit grösster Behaglichkeit aus: was weiss ernicht bloss von Äneas Mantel (768 f.) oder Bette (1262 f.) zuberichten! Eine etwas umständliche Schilderung der von Vulcanempfangenen Waffen wäre wohl zulässig gewesen, aber sie über-schreitet alles Mass (5631—5789): ebenso wird das Jagdgewandder Dido Stück für Stück (1685 f.), Gestalt und Kleidung derCamille (5114 f.) und späterhin ihr Grabmal (9322 — 9407) be-schrieben. Zwar nicht ganz ist die Handlung zurückgedrängt,und in der Erzählung von Camillens Kämpfen hebt sich einigeshervor: aber die verschiedenen Gemüthsstimmungen in Wechsel-reden, Selbstgesprächen, Betrachtungen und Klagen darzulegen,erscheint auch ihm als die Aufgabe der Dichtung: und davonmuss man nicht weniges als wahr und tief empfunden aner-kennen, wie ja die Gedanken der Lavinia über die Minne undihr Gespräch darüber mit der Mutter als zarte Poesie selbst vonAbgeneigten gerühmt werden.
Ohne Zweifel ist diese Auffassungsweise aus den welschenQuellen (*Wackern. Litt.-Gesch. S. 151*) herübergekommen undbezeichnet eine gewisse Bildungsstufe französischer Dichter; dasergibt sich schon aus der Vergleichung von Ottos Eraclius mitdem Gedicht Gautiers von Arras. Dass es auch dort keine