ATHIS UND PROPHILIAS. 219
Rügen wollten ihre Lieder in hochdeutscher Sprache dichten,ohne Zweifel weil die einheimische nicht dafür ausgebildet war,konnten sich aber den Einwirkungen des Niederdeutschen nichtganz entziehen. Bei den höheren Ständen mag also das Hoch-deutsche schon damals durchgedrungen sein, und der vorhinberührte Wunsch Reinbots enthielt nichts Unnatürliches. ObHeinrich von Veldeke bei seiner Aneide und Eilhart von Obergebei seinem Tristant dieselbe Absicht hatten, muss unentschiedenbleiben, bis einmal der Text beider Gedichte hergestellt ist.Lässt es sich darthun 1 ), dass jener, wie man annimmt, in West-falen seinen Sitz hatte, dieser im Hildesheimischen, so ist esglaublich, ungeachtet das Niederdeutsche bei ihnen weit stärker 353hervortritt: war ihnen aber die Sprache angeboren, die an der 9Scheide der beiden Mundarten galt, so stellt sich bei ihnen einenatürliche Mischung dar' 2 ), jedoch mit entschiedenem Überge-wicht des Hochdeutschen. Am sichersten ist dieses Verhältnis beiHerbort von Fritzlar zu beurtheilen. Wie seine Landschaft demNiederrhein nicht ferne Hegt, so zeigt seine Sprache näherenZusammenhang mit der dort geltenden, nur dass die Oberherr-schaft des Hochdeutschen bei ihm weit entschiedener hervortritt.Wir rinden dieselbe Sprache auch im nächsten Jahrhundert(1343—]349).bei dem Mystiker Hermann von Fritzlar, ja nochziemlich genau in Fritzlarischen Urkunden vom Jahr 1385 und1387 (Falkenheimers Geschichte hessischer Städte 1, S. 206—209).Ich glaube aber, dass zu Herborts Zeit die Rede des gemeinenMannes, nicht der Höhergebildeten, d. h. der Geistlichen undderer, welche sich der Schrift bedienen konnten, eine stärkereFärbung des Niederdeutschen trug. Nicht anders mag es sichin dem benachbarten Cassel verhalten haben, wo die platt-deutschen Bestandtheile erst im Ausgang des vorigen Jahr-hunderts zu weichen begannen, und zwar in dem Mass, inwelchem der Gebrauch der Schrift vordrang. Wenigstens zeigtein in der Mundart des Volkes bei der Ankunft des Landgrafenund schwedischen Königs Friedrichs I in Cassel etwa im Jahr1740 abgefasstes Gedicht noch ziemlich starke, dagegen eine
x ) * Vergl. Wackernagels Gesch. d. Litt. S. 123. «2 ) * Wackern. Litt.-Gesch. S. 124. *