Druckschrift 
3 (1883)
Seite
210
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210 ZU WALTHER VON DER VOGELWEIDE.

von C. Kläden in dem Jahrbuche der Berlinischen Gesellschaftfür deutsche Sprache (6, 238243). Hier nämlich wird be-hauptet, die dritte (unechte) Stelle bei Walther sei nicht aufdie Geiselung, sondern auf die Dornenkrone zu beziehen: dieRichtigkeit meiner Auslegung zu beweisen habe ich um so mehrAnlass gehabt, als auch der Recensent der Jahrbücher in derliterarischen Zeitung (1845 nr. 8) der Meinung ist, man habedie Worte bisher nicht anders verstanden als mein Gegner sieversteht. Die zweite Stelle Walthers, welche über die. Er-klärung der ersten keinen Zweifel lässt, wird übersehen undzugleich ohne Grund behauptet, auch die erste sei von mir aufdie Geiselung bezogen worden; ich habe sie beide unberück-sichtigt gelassen.

Allein es werden mir mehrere Stellen aus Gedichten deszwölften und dreizehnten Jahrhunderts vorgehalten, in welchender Dornenkrone auf dem Haupt Christi deutlich Erwähnunggeschieht. Ich will sie durch vier andere noch vermehren, dieman in dem schon erwähnten Leben Christi (Fundgruben ], 175,79), in dem Gedicht vom Antichrist (Fundgruben 2, 13], 2),von unser Frauen Klage (Zeitschr. 1, 36. 68) und in dem altenPassional (65, 67 71) nachsehen kann; billig müssten auchOtfried (4, 22. 21, 22. 23, 8) und Williram (23, 5. 7) genanntwerden. Als ich jene kunstgeschichtliche Bemerkung machte,dachte ich nur an die freie weltliche Dichtung und konnte andie geistliche nicht denken, welche aus der Bibel, aus Legendenoder Kirchenvätern geschöpft hat oder theologische Betrach-tungen enthält; sie durfte kaum von ihrer Quelle abweichen,wie überhaupt ihr Standpunkt ein anderer war. Jene Stellen,sämmtlich aus Gedichten dieser Art genommen, dienen alsonicht zur Widerlegung, sondern durch ihren Gegensatz zurBestätigung meiner Meinung; fänden sie sich in Gottfrieds Lob-gesang auf Maria und Christus, bei Freidank, Reinmar vonZweter oder anderen weltlichen Dichtern aus dem zwölftenJahrhundert oder der ersten Hälfte des dreizehnten, so würdensie Gewicht haben; selbst Konrad hat nicht in der goldenen38i Schmiede und in seinen Liedern, wo Veranlassung genug war,nur in der Legende von Silvester, wo er seiner Quelle folgte,