ZU WALTHER VON DER VOGELWEIDE. 211
der Dornenkrone Erwähnung gethan. Auch die zwei Stellenaus dem jüngeren Titurel können nicht in Betracht kommen.Ich will davon absehen, dass dieses Gedicht eine theologischeBeimischung zeigt, allein es müsste erst bewiesen werden, dasses in die Zeit gehöre, von welcher die Rede ist, und das wirdschwer fallen: vielmehr wird es damals entstanden sein, als diebildende Kunst anfieng die alte höhere Ansicht aufzugeben.Endlich würde eine zweite Ausnahme, wenn man sie fände,was vielleicht möglich ist, doch die Regel nicht umstossen.
Noch etwas Anderes darf ich hier berühren. In jenemunechten Liede Walthers geschieht (37, 8) der drei Nägel Er-wähnung, mit welchen Christus an das Kreuz geheftet ward.In Kunstwerken welche den byzantinischen Typus zeigen sinddie Füsse nicht übereinander gelegt; es sind also vier Nägelnöthig (Christusbilder 42 [oben S. 185]). Ich trage nach, dass aneinem Reliquienkasten von getriebenem Silber mit halberhabenerArbeit, der in die Zeit Barbarossas zu gehören scheint und zuAachen aufbewahrt wird (die Mittheilung eines Gypsabgussesverdanke ich Hrn v. Olfers), auf gleiche Weise vier Nägel anHänden und den nebeneinandergestellten Füssen vorkommen. Esist noch auszumitteln, in welcher Zeit man davon abgieng: injedem Fall schon vor Walther. In dem Leben Christi (Fund-gruben 1, 175, 45) heisst es: dö wurden dri nagel durch Christgeslagen, durch sine hende — und ouch durch die fuoze sin:ebenso ist im Orendel, nach der oben angeführten Stelle, vondrei Nägeln die Rede. Bei Heinrich von Krolewiz, der in dieMitte des dreizehnten Jahrhunderts fällt, lässt sich wohl nichtsAnderes erwarten: durch beide sine vüeze gienc ein wundesüeze (2238. 2239) verstehe ich von den übereinandergelegten.Schwerlich wird sich in dieser und der folgenden Zeit einBeispiel des byzantinischen Gebrauchs finden, wenigstens habeich keins in den Miniaturen des fünfzehnten Jahrhunderts ent-decken können; die Dreizahl ward ohne Zweifel eingeführt, weilman sie für bedeutungsvoller hielt.
Wilhelm Grimm.
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