Zu WALTHER VON DER VOGELWEIDE. 209
manicvalt sin marter an dem kriuze genieret: die Kreuzigungfolgte also erst nachher. Es kann demnach nichts gemeint seinals die Geiselung, und so habe ich die Stelle (Christusbilder 44[oben S. 188]) verstanden. Zwar ist die Geiselung mit Dornennicht biblisch, allein sie ward schon in früheren Dichtungen an-genommen: in dem Leben Christi aus dem zwölften Jahrhundertist deutlich gesagt (Fundgruben 1, 173, 39—41): si hiezen denwisen villen mit dem rise; mit durninen besemen sluogen si dazunser leben; nicht anders ist eine Stelle im alten Passional (65,32—34) zu verstehen: mit scharfen besemrisen und mit riemenherten den lip si ime berten, wo Ruthe und Geisel nebeneinandergenannt werden. Diese Vorstellung dauerte noch lange fort. Ineiner Pergamenthandschrift der Berliner Bibliothek (ms. theol. lat.in 4. 9), die Gebete enthält und mit werthvollen Bildern vomJahr 1483—1484 ausgeziert ist, erblickt man auch (s. 12 b ) dieGeiselung: drei Männer schlagen Christum mit dicken dornen-artigen Staubbesen, ein vierter sitzt auf dem Boden und istbeschäftigt die Dornenkrone zu flechten.
Ich habe anderwärts (Christusbilder 44 [oben S. 188]) aus-geführt, dass die bildende Kunst erst im dreizehnten Jahrhundertund allem Anschein nach erst gegen das Ende desselben den Hei-land mit der Dornenkrone und dem Ausdruck des bitteren Leidensdarstellte. Ihr widerstrebte lange Zeit, und man muss dies Gefühlals in dem Wesen der Kunst begründet anerkennen, das Bilddes Verhöhnten und menschlich Duldenden: sie fasste ihn nurals den siegenden Gott, den irdischer Schmerz nicht berührte.Unbekannt geblieben konnte ihr die Dornenkrone gewiss nichtsein, noch weniger »die Vorstellung davon sich verdunkeln«,da die Evangelien davon reden. Dass die Dichter des Mittel-alters mit den Künstlern übereinstimmten, schien mir merkens-werth und bestätigend: nur bei Wolfram fand ich eine Aus-nahme, die ich zu erklären suchte, aber nicht bei Walther;denn bei ihm wird in den beiden ersten Stellen die Dornen-krone nicht in Beziehung auf den damit Gehöhnten, sondern 383als eine Verehrung fordernde," die Macht des Christenthumsbezeichnende Reliquie genannt.
Meine Ansicht, glaube ich, hält Stand gegen einen Aufsatz
W. GRIMM, KL. SpHBIFTEN. III. . 14