206 DER EPILOG ZUM ROLANDSLIEDE.
meine Meinung die richtige, so ist es nach seiner Rückkehr(1173) entstanden. Allein, das ist auch hier nicht der Haupt-punkt, sondern die weitere Behauptung, das Lied sei gedichtet»zur Trostanschauung der rückbleibenden Herzogin, welche dieVerdeutschung des welschen Buchs wünschte«. Vorher wirdsogar behauptet, Konrad habe es ihr gewidmet. Wie es sichmit der Einwirkung der Herzogin auf die Übersetzung verhält,habe ich erörtert. Ich weiss nicht was Massmann daruntermeint, wenn er sagt, »der Herzog hiess das Buch vortragen«.Doch wohl nicht was wir heute darunter verstehen, er liessdas Buch vorlesen? Aber gesetzt, die Herzogin veranlasste dasdeutsche Lied, so konnte sie doch, während der Herzog denGefahren einer solchen Reise unterworfen war, schwerlich einenTrost aus einem Gedicht schöpfen, das den jammervollen Unter-gang Rolands und seiner Genossen auf eine ergreifende Weiseschilderte; im Gegentheil, es musste sie mit Angst und Besorg-nis erfüllen.
Wir sind noch nicht zu Ende. Die Erklärung des »win-zigen aber gewichtigen« nu trägt noch weitere Früchte. DerÜbersetzer des Liedes soll Konrad, Bischof von Lübeck, ge-wesen sein, dem Heinrich 1162 diese Würde verlieh. Ich be-fürchte, er ist es so wenig, als Otto von Freisingen Dichter desEraclius ist. An sich ist es unwahrscheinlich, dass Konradseiner Würde nicht gedacht, sondern sich bloss einen Geistlichengenannt habe, zumal die häufige Erwähnung des Bischofs Tur-288 pin ihn daran erinnerte und die Bescheidenheit der Geistlichenjener Zeit nicht darin bestand, nicht einmal bestehen konnte,ihre Stellung zu verbergen. Meine Vermuthung (mehr ist esnicht, und ich lege kein Gewicht darauf), dass er Capellan desHerzogs gewesen sei, beruht auf den allzu höfischen Ausdrückenmit welchen er von seinem Herrn spricht. Darf man sie voneinem Bischof von Lübeck erwarten? Doch davon abgesehen,es ist noch ein anderer Umstand entgegen. Der Bischof Kon-rad begleitete den Herzog auf seinem Zug und starb in Syrien.Es ist nicht glaublich, dass er vor einer so wichtigen Unter-nehmung und während der Zurüstungen dazu an einen »Schwa-nengesang« gedacht, das heisst Lust und Müsse gehabt habe,