Druckschrift 
3 (1883)
Seite
205
Einzelbild herunterladen
 

DER EPILOG ZUM ROLANDSLIEDE. 205

Aber unbegreiflich bleibt die Behauptung immer, da ja derDichter des Herzogs Frömmigkeit, seinen Eifer für das Christen-thum, ausdrücklich rühmt; er sagt sogar mit Übertreibung(309, 14. 15) daz ewige lieht, des ne zerinnit im niht. Jetztkommt die Hauptstelle mit dem schwer wiegenden Wörtchen(309, 33), ze gerihte er im nu stät. Diese ganz deutlichenWorte, was sollen sie aussagen? Man erräth es nicht; so vielals »das will er nun gut machen«, durch eine Pilgerfahrtnämlich. Der blosse Vorsatz einen Zug nach Syrien zu unter-nehmen soll schon als ein eingetretener Gerichtstag angesehenund nu auf diesen Vorsatz, von dem nichts gesagt ist, bezogenwerden. Unmittelbar auf jene Zeile folgt im Text an dem jun-gisten tage, da got sin gerihte habe. Das gehört noch dazu;will man es aber abtrennen und zu dem Folgenden ziehen (für da bei Massmann ist wohl ein Druckfehler), so bleibt dochdie Beziehung auf das jüngste Gericht so klar, dass eine un-glaubliche Befangenheit dazu gehört, dies nicht auf den erstenBlick einzusehen. Die Neigung, überall Zweifel, Bedenklich-keiten und Fragen anzuhängen, wenn man nichts Besseres zubieten hat, wird schon lästig, weil sie die Forschung mehrhemmt als fördert, aber grundlose Einfälle bekämpfen zu müssenmacht verdriesslich. Und doch nennt Massmann seine Erklä- 287rung »eine gewiss nicht erzwungene«, die dem Gedicht »einenvorzüglicheren Sinn« gewähre.

Gesetzt der Text wäre einer solchen Deutung irgend zu-gänglich, müsste man sich nicht den Einwurf machen, dass esganz unnatürlich gewesen wäre, wenn der Dichter auf einen sowichtigen, ruhmwürdigen Entschluss des Herzogs nur unbe-stimmt und dunkel, nur aus der Ferne hingewiesen hätte? Ermusste laut davon reden, ihn mit anderen Helden der Sageoder der Geschichte, mit Koland oder mit Gottfried von Bouillon,vergleichen, nicht mit dem Könige David.

Aber weiter. Das gerettete nu soll auch, »was die Zeitder Abfassung betrifft, dem ganzen Gedichte eine gänzlichandere Bedeutung und Beziehung bieten.« Dass es dieser An-sicht gemäss kurz vor der Fahrt des Herzogs (1172) gedichtetist, macht an sich keinen merklichen Unterschied, denn ist