204 DER EPILOG ZUM ROLANDSLIEDE.
vielmehr einen vorzüglicheren Sinn und, was die Zeit der Ab-fassung betrifft, dem ganzen Gedichte eine gänzlich andere Be-deutung und Beziehung zu bieten.« Der erste Grund ist nichtig.Wenn das Versmass auch bei Konrad geregelt wäre, was esnicht ist, so gestattet es doch die Partikel auszuwerfen, ja derVers lautet besser, als wenn man nft (mit langem Vocal, dergar nicht nöthig ist; vergl. Grammatik 1, S. 81. 3. Aufl. Graff2, S. 976. 977) hinzufügt. Der zweite Grund empfiehlt Bedenk-lichkeit, als wenn ich leichtsinnig verfahren wäre. Die Kritikdarf sich das'Recht nicht nehmen lassen, mehreren, ja einerganzen Reihe von Handschriften, in welchen sich ein Fehlerfortgepflanzt hat, zu widersprechen, sobald sie nur hinlänglichenGrund dazu hat: sie hat bei einer einzigen offenbar geringereVerantwortlichkeit. Massmann hat sich bei dem Text desEraclius (freilich nicht zu dessen Vortheil), zwei Handschriftengegenüber, ganz andere Freiheiten genommen, ohne sie miteinem Wort zu rechtfertigen.
Doch zur Sache. Welche bessere Erklärungen, welcheneue Aufschlüsse empfangen wir? Es heisst (309, 29—30)von dem Herzog, sime schephasre opheret er lipe unt sele; daswird erklärt »Heinrich denkt nun (nach dem Zuge gegen die286 wendischen Heiden) »um seiner Seele Heil willen« an einenachträgliche (der Ausdruck ist nicht glücklich gewählt) Pilger-fahrt ins gelobte Land.« Was unmittelbar auf jene Wortefolgt, sam Davit der herre, wird ausgelassen und ganz mitStillschweigen übergangen. Dieser Zusatz aber macht alleinschon die Beziehung auf eine Pilgerfahrt unmöglich; ohnehinist von einem blossen Vorhaben nicht die Rede, sondern voneiner That. Swä er sich versümet hat (309, 32) soll eine»fromme, geistliche Ausdrucksweise« sein, sie kommt aber auchbei ganz weltlichen Dingen vor, z. B. Aeneide 12907. Parz.233, 12. Freidank 116, 24. 177, 26. Diese Zeile wird nichtbloss auf die versäumte Kreuzfahrt bezogen, was den Wortennach möglich wäre, wenn sich nur beweisen Hesse, dass Konraddaran gedacht hätte, sondern auch auf die bisher unterlassenenGedanken »ans geistige Leben«. Ich verstehe das nicht, wennnicht durch einen Druckfehler geistig für geistlich gesetzt ist.