194 DrE SAGE VOM URSPRUNG DER CHRISTUSBILDER.
hernach in der dichterischen Ausschmückung der Legende.Man darf nach den vorhandenen Zeugnissen schliessen, dassdies etwa im Beginn des sechsten Jahrhunderts geschehen ist,zu welcher Zeit sich auch der Typus mag festgestellt haben.So lange man den reinen, von menschlichen Leiden ungetrübten,göttlichen Ausdruck, der ohne Zweifel der erhabenste ist, auchbei dem Bilde mit dem Bart beibehielt, so lange nahm dieSage den Abdruck des Antlitzes auf ein Kleid, auf die zumAbtrocknen dargereichte Zwehle, an, oder sie liess als Ein-wirkung höherer Kraft das Bildnis auf der Leinewand desMalers, der unfähig war die himmlischen Züge zu erfassen,unmittelbar erscheinen. Darstellungen des Gekreuzigten habe ichnicht früher gefunden als in dem neunten Jahrhundert (obenS. 159 [= S. 182]): sie mögen noch lange unhäufig gewesen sein;die frühere Kunst hatte sie wohl völlig gemieden, wie überhauptdie Darstellung der Leidensgeschichte (vgl. Munter 1, S. 22). Dazustimmt dass, wie wir oben (S. 149 [== S. 170]) gesehen haben, Con-stantinus Porphyrogenneta im zehnten Jahrhundert zuerst der ab-weichenden Gestaltung der Abgarussage gedenkt, welche nichtmehr das heitere Antlitz voraussetzt, weil sie den Abdruck auf einSchweisstucb annimmt und die Entstehung desselben auf denTodestag verlegt. Die Yeronicabilder aus dem vierzehnten undfünfzehnten Jahrhundert zeigen das göttliche Antlitz ohneDornenkrone, stimmen also mit der älteren Sage überein: erstamSchluss des fünfzehnten, entschieden erst mit dem sechszehnten,beginnt die Dornenkrone (die wir auf Kunstwerken überhauptmit Gewissheit erst am Ende des dreizehnten fanden und dieim fünfzehnten immer noch nicht Regel war) das Haupt desGekreuzigten auch auf dem Tuche zu umgeben. Dabei istnoch die Verschiedenheit bemerkbar, dass anfänglich der Aus-druck des Leidens die Züge des typischen Bildes nur leise be-rührt, dann sich steigert, bis er, der menschlichen Natur immermehr nachgebend, endlich vorherrschend wird, wie gleicherweisedie Dornenkrone, erst nur angedeutet, immer breiter das Hauptbedeckt. Welche Vermuthung man, sobald man die geschicht-lichen Zeugnisse berücksichtigt, über das Alter des Tuchs, das