DIE SAGE VOM URSPRUNG DER CERISTUSBILDER. 189
dem Boden. Ebenso finde ich es bei Pietro Perugino (f 1524)in zwei Bildern (Rosini Taf. 69. 70). In einem grossen Ge-mälde von Lorenzo d'Ugolino de Rossi (Berliner Museum III,No. 104) vom Jahr 1475 hat Christus bei der Abnahme vomKreuz eine breite Dornenkrone auf dem Haupt. Dagegen nochnicht bei Fra Bartolommeo (f 1517, Rosini Taf. 85). AuchRaphael schwankt, bei der Grablegung fehlt sie, nicht aberbei der Kreuztragung; bei einer Abnahme vom Kreuz (inMünchen) liegt sie neben der Leiche. Hemling und Schoreelhaben Christus mit der Dornenkrone gemalt, Albrecht Dürer,Lucas von Leiden und Lucas Kranach fast ohne Ausnahme;von der Mitte des sechszehnten Jahrhunderts an kommt sie wohlauf den meisten, wenn nicht auf allen Darstellungen der Leidens-geschichte vor.
Ich kehre zu den geschichtlichen Betrachtungen über denTypus zurück. Bei den grossen Malern des fünfzehnten undsechszehnten Jahrhunderts, bei Perugino, Raphael, Michel Angelo,Daniel da Volterra, Titian, liegt er noch unverkennbar zuGrund, aber sie verlassen ihn mehr oder minder und bleibensich auch nicht gleich. In den Christusköpfen der Grablegungund Himmelfahrt von Raphael erkenne ich die glücklichsteVereinigung der alten Überlieferung mit freier Idealität; nur 1G6wer den unbeweglichen starren Typus einer gewissen Erhaben-heit wegen vorzieht, wird leugnen dass die Kunst hier ihrenGipfel erreicht habe. Andere haben sich der wahren Ver-mittelung nicht einmal genähert und neigen nach dem blossMenschlichen. Als Beispiel bemerke ich jenes Bild von Lorenzod'Ugolino (Berliner Museum III, No. 104), wo nur das Äusser-liche, das röthliche Haar, der gespaltene Bart beibehalten, inden unschönen Gesichtszügen aber das sogenannte Natürlichegesucht ist. Auch in zwei Gemälden von Marco Palmezzanoaus der ersten Hälfte des sechszehnten Jahrhunderts, Christusmit der Dornenkrone (Berliner Museum III, No. 85) undChristus vor dem Kreuz stehend (III, No. 93), ist die Über-einstimmung mit dem Typus gering. Nur noch leise scheinter durch in einem an sich schönen Bild (I, No. 115) von Andr.Solario (f 1554): und wie verweichlicht ist er in einem anderen