DIE SAGE VOM URSPRUNG DER CHRISTUSBILDER. 177
der mit Blättern, die zum Theil in Stacheln ausgehen, bedecktist und auf dessen Spitze noch eine regelmässige Figur, etwaeiner unbesaiteten Leier ähnlich, steht, worin Munter die Samen-kapsel der Staude zu sehen geneigt ist. Die Form des Gesichts,das zur Seite herabhängende Haar und der Bart haben aller-dings Ähnlichkeit mit einem Christusbilde: aber bei dieser Un-gewissheit lasse ich dieses Denkmal lieber zur Seite, zumal es,wie sich in der Folge zeigen wird, höchst unwahrscheinlich ist,dass man den Heiland mit der Dornenkrone schon so früheabgebildet habe.
Unzweifelhafte Darstellungen von Christus finden wir zu-erst auf den Basreliefs von Sarkophagen, die zu Rom bewahrtwerden: sie sind in dem Stil und Geist der besseren griechischenKunst gearbeitet. Ein Theil davon zeigt auf die Periode biszu Septimius Severus (reg. 193—210): auch die jüngeren sindnach Sickler unbezweifelt aus den Zeiten bis zu JulianusApostata (f 363). Christus erscheint hier mit freier Stirne undzur Seite herab wallendem sanftgewundenem Haar, aber ohneBart, also in voller Jugendlichkeit; seine Gesichtszüge sind edelund mild.
Unter den Schätzen des königlichen Museums zu Berlinbefindet sich ein altes becherartiges Gefäss von Elfenbein, daswahrscheinlich zur Bewahrung kirchlicher Heiligthümer gedienthat und rundum mit halberhabener Arbeit verziert ist. An-ordnung und Stellung der Figuren ist vortrefflich, der Ausdruckder Köpfe schön und edel, Gewandung und Faltenwurf vonbester Art, überhaupt das Ganze in dem reinen Stil und Ge-schmack der alten Kunst, wie sie sich, scheint es, nur in denersten Jahrhunderten noch konnte erhalten haben. Auf dereinen Hälfte ist das Opfer Abrahams dargestellt, auf deranderen, unmittelbar sich anschliessenden sitzt Christus alsLehrer zwischen den zwölf, zu beiden Seiten gleich vertheiltenAposteln. Er erscheint hier in voller Jugend, mit rundemGesicht, ohne Bart: das Haupthaar besteht aus kurzen krausen,zur Seite nicht herabfallenden Locken; von einem Scheitel inder Mitte der Stirne zeigt sich keine Spur. Stirn und Nasesind nicht über das gewöhnliche Verhältnis lang.
W. GRIMM, KL. SCHRIFTEN. III. 12