DIE SAGE VOM URSPRUNG DER CERISTUSRILDER. J59
bilder oder Äusserungen über das in Rom bewahrte und heiliggehaltene Tuch nähere Aufschlüsse gewähren.
Bilder mit dem Tuch der Veronica aus ältester Zeit sind,so viel ich weiss, nicht bekannt, und doch dürften wir sieerwarten, weil die Legende ziemlich früh erscheint und dieZeugnisse über das Dasein des Tuchs, wie wir nachher sehenwerden, noch weiter zurückgehen. Das älteste Bild, das ichnachweisen kann, befindet sich in einer Pergamenturkunde vom28. Mai 1350, die zu Helmstädt aufbewahrt wird und mirdurch Herrn L. C. Bethmann bekannt, durch seine Gefällig-keit zugänglich geworden ist. Diese Urkunde ist von doppeltemWerth, einmal weil sie über das Alter eine sichere Angabegewährt, sodann weil sie unter Papst Clemens VI zu Avignonvon zwölf Bischöfen ausgestellt ist, wir also voraussetzen dürfen,dass sie den damals von der Kirche zugelassenen Typus nach-gebildet hat. Sie enthält die Gewährung eines Ablasses undbeginnt mit den Worten Universis Sancte Matris Ecclesie filiis.Der Anfangsbuchstabe U ist mit einem verhältnissmässig grossen,in Farben ausgemalten Veronicabild verziert. Zwei kleine,schwebende Engel halten ein weisses viereckiges Tuch aufrothem Grund mit dem Bildnis Christi. Es ist derselbe Typus,den ich gleich bei dem der Zeit nach sich anschliessendenMiniaturgemälde beschreiben werde, nur ziemlich schlecht und 110ungeschickt ausgeführt; der einzige Unterschied findet statt,dass die zarten Lillastrahlen fehlen, die dort das Gesicht um-geben, und dass Haupt- und Barthaare schwarz sind. Ich willnur noch die Bemerkung voranschicken, dass wenn Engel,nicht Veronica selbst, das Tuch halten, dies der älteren Ge-staltung der Sage angemessen ist, wo die Frau nicht dasSchweisstuch dem Heiland darbietet, sondern dieser auf eineandere Leinewand, die er ihr abfordert, sein Antlitz zurück-lässt. Jenes Miniaturgemälde habe ich in einem Gebetbuchgefunden, welches einer Herzogin von Geldern und Jülich zu-gehörte und jetzt auf der königlichen Bibliothek zu Berlinbewahrt wird (ms. germ. in Quart. No. 42, vgl. Wilken Ge-schichte der Berliner Bibliothek S. 232). Auch hier gewinnenwir eine genaue Zeitbestimmung, denn es wird darin ausdrück-