158 DIE SAGE VOM URSPRUNG DER CHRISTUSBILDER.
zumal das Bild selbst Veronica genannt wurde: allein sie isterkünstelt und setzt ein Festhalten der absichtlichen Erdichtungvoraus, das mir dem Geist jener Zeit nicht zu entsprechenscheint.
Die bisher berührten Dichtungen wissen nur von einemschmerzfreien, in überirdischer Schönheit leuchtendem Antlitz,allein später begegnen wir einer abweichenden Erzählung derLegende, wonach Christi Bild unter ganz verschiedenen Um-ständen dem Tuch der Veronica eingedrückt wird und jenegöttliche Ruhe im Antlitz nicht mehr angemessen scheint.Diese Umbildung ist um so merkwürdiger, als sie gerade vonder römischen Kirche gegenwärtig anerkannt wird, währendfrüherhin die andere, und auch von einem geistlichen Dichter,wie Wernher vom Niederrhein, angenommen war. Jacob Pa-melius (f 1587, vgl. Reiske 63) und die Acta sanctorum näm-lich erzählen folgendergestalt. Als der Heiland auf dem Weg139 zum Tode das Kreuz trug, reichte ihm eine Frau aus Jerusalem,Veronica, ihren Schleier vom Haupt, um sich Schweiss undBlut damit abzutrocknen. Er .gab ihr das Tuch zurück, aberals Zeichen seiner Liebe war sein Antlitz vollkommen daraufabgedrückt. Ein innerer Grund zu dieser Änderung war nichtvorhanden. Dort ist es eine dem Herzen tief eingeprägte Liebe,die nach dem Bild Verlangen trägt: hier wird nur ein mensch-liches Mitgefühl, das der Anblick der Qual so leicht erregenmusste, anerkannt und belohnt. Wir werden in der Folgesehen, dass es keine Neuerung ist, sondern eine längst vor-handene Umbildung der ursprünglichen Sage, welche derVeronicalegende zu Grunde liegt; es fragt sich nur, zu welcherZeit sie in diese eingetreten ist. Man kann das vorhin ange-führte Gedicht von Regenbogen etwa in das Ende des drei-zehnten Jahrhunderts setzen, wären die Worte, die Veronicadarin spricht: mir gabz (das Tuch) min herre in der not wirk-lich echt, was ungewiss bleibt, da sie nicht in den Hand-schriften, nur im Druck vorkommen, so würden wir darin dasälteste Zeugnis von der Umgestaltung der Sage vor uns haben,denn jene Worte können sich nur auf das leidende Antlitz be-ziehen. Wir wollen nachsehen, ob uns die erhaltenen Veronica-