Druckschrift 
3 (1883)
Seite
155
Einzelbild herunterladen
 

DIE SAGE VOM URSPRUNG DER CHRISTUSBILDER. 155

als eine dem Verbrechen auf dem Fuss folgende Strafe er-scheinen.

Da der Aussatz im Mittelalter seiner Unheilbarkeit wegenals die schwerste Krankheit betrachtet wurde, so darf man an-nehmen, dass die angelsächsische Erzählung und die Stelle beiMarianus Scotus, die den Kaiser daran leiden lassen, hierindas Ursprüngliche bewahren. Auch der Krebs ist noch keinefabelhafte Krankheit, aber wenn gesagt wird, dass er bei derHeilung von dem Angesicht des Tyrus herabgefallen sei, gleichals wäre von einem leibhaften Thier die Rede, so mag dieserAusdruck wohl zu weiteren Entstellungen und ÜbertreibungenAnlass gegeben haben. In der Kaiserchronik sind es Würmer,die in dem Haupt des Kaisers wachsen: das lateinische Gedichtund die legenda aurea nennt sie, einer etymologischen Erklärungdes Namens Vespasian gemäss, Wespen, die in der Nase nisten:Wernher lässt sie sogar das Gehirn aufzehren und macht vonder Krankheit eine abenteuerliche Beschreibung.

Doch ich berühre dies alles nur nebenbei. Der eigentlicheMittelpunkt der Sage ist das Dasein eines wahrhaften, mitWunderkräften begabten Bildes Christi. Über die Entstehungdes Bildes drücken sich einige Dichtungen dunkel aus: siehaben, wie es scheint, keine klare Vorstellung davon. Nachder angelsächsischen Erzählung befindet es sich auf einemStück von Christi Kleid: wie es darauf gekommen sei (manmuss immer annehmen durch ein unmittelbares Wunder), vonwem die Frau das Stück des Kleides erhalten habe, das erfährtman nicht. In der Kaiserchronik steht noch weniger, ein vilherez bilde hän ich von sinen gnaden, sagt Veronica. Regen-bogen bemerkt nur dass es nicht von Menschenhand sei ge-macht worden. Die anderen wissen mehr. In dem Zusatz zuMarianus Scotus wird gesagt, der Heiland habe sein Bild selbstausgedrückt und der Frau gegeben, und das wird in demlateinischen Gedicht näher ausgeführt. Die Frau, heisst eshier, habe aus herzlicher Liebe ihn, der oft seinen Tod vorausverkündigt habe, um ein Andenken gebeten: da habe er ihrTuch oder ihren Schleier genommen und an sein Gesicht ge-drückt, das alsbald darauf sei abgebildet worden. Die legenda