150 DIE SAGE VOM URSPRUNG DER CHRISTUSBILDER.
6. Von den beiden vorhin erwähnten lateinischen Er-zählungen in Prosa hat Mone im Anzeiger 1838, S. 526—530einen Auszug geliefert. Sie stimmen neben mancherlei Ab-weichungen im Einzelnen, von welchen ich nur die wichtigerenanführen will, mit dem lateinischen Gedicht zusammen. AnTitus Stelle erscheint wieder Tiberius. Veronica wird genannt,und die Linzer Handschrift setzt hinzu: erat mulier illa, quamsanaverat dominus a fluxu sanguinis per tactuin fimbriae suae.Der Gesandte, der (die Linzer Handschrift fügt hinzu »vonHerodes«) mit Geschenken abgeschickt, aber nach Gallizien,wo Vespasian Statthalter ist, verschlagen wird, heisst in derMünchener Hs. Adanus, in der Linzer Adrianus, der Bote desTiberius aber in beiden Albanus. Adanus sagt zu Vespasian,wenn er an den Arzt Jesus glaube, der in Jerusalem gewesensei und Aussätzige rein, Blinde sehend gemacht, Todte erweckthabe, so werde er geheilt werden. Vespasian glaubt und wird
132 gesund. Er beschliesst (nach der Münchener Hs.) einen Zugnach Jerusalem, um Christi Tod zu rächen.
7. Ich gedenke hier eines verlorenen hochdeutschenGedichts, von welchem ein Paar meist aus halben Zeilen be-stehende und daher fast ganz unverständliche Bruchstücke auseiner, wie der Herausgeber versichert, im zwölften Jahrhundertgeschriebenen Handschrift in den Denkmälern der deutschenSprache von D. Karl Roth (München 1840) abgedruckt sind.Auch hier scheint die Legende der Veronica mit der Sage vonPilatus verbunden, und Volusian, Alban und die Stadt Akirswerden darin namentlich angeführt.
8. Die legenda aurea muss man, da ihr Verfasser,Jacob de Voragine, im Jahr 1298 starb, in die zweite Hälftedes dreizehnten Jahrhunderts setzen. Cap. 51 ist die Sage vonVeronica nicht abgetrennt erzählt, sondern in die Leidensge-schichte eingeflochten.
Als der Herr gekreuzigt war, fürchtete Pilatus den Zorndes Kaisers Tiberius und schickte einen Vertrauten an ihn ab,der ihn entschuldigen sollte. Indessen war Tiberius in eineschwere Krankheit gefallen, und als er vernimmt dass zuJerusalem ein Arzt sei, der alle Kranke bloss mit seinem Wort