Druckschrift 
3 (1883)
Seite
141
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DIE SAGE VOM URSPRUNG DER CHRISTUSBILDER. \±\

Die Legenden, die hier in Betracht kommen, sind die vonder heiligen Veronica und von Abgarus, Fürsten von Edessa;beide gehören zu den älteren und sind schon der Gegenstandgelehrter Untersuchung gewesen v ). Ich habe Gründe mit der 124Sage von Veronica den Anfang zu machen, wenn sie sich auchals die jüngere erweisen sollte; von ihr sind in der neuerenZeit wichtige, erst Aufschluss gewährende Quellen zum Vor-schein gekommen. Da die meisten davon wenig bekannt oderschwer zugänglich sind, so darf ich mir nicht erlassen ihrenvielfach abweichenden Inhalt mitzutheilen.

1. Ich stelle eine angelsächsische Erzählung inProsa voran. Sie führt in der Handschrift den Titel Nathanislegatio ad Tiberium und ist abgedruckt in Ludw. Christ.Müllers Collect, anglosax. Havniae 1834, S. 518.

Bald nach dem Tode Christi sendet Pilatus den Nathan,Sohn des Naus, einen vielgereisten Juden, an den KaiserTiberius 2 ), der am Aussatz erkrankt ist. Nathan wird vonden Winden nach der Stadt Libye in Aquitanien verschlagen,wo der Unterkönig Tyrus an einem Krebs im Gesicht leidet,der von der Nase bis ins Auge gestiegen ist. Tyrus lässt denNathan vor sich bringen, fragt ihn aus und forscht, ob er keinHeilmittel für seine Krankheit wisse. »Nein«, erwidert derJude, »aber ein Mann, der dir helfen konnte, lebte im jüdischenReich, der Heiland Christus. Mit seinem Worte machte erAussätzige rein, Blinde sehend, Todte wieder lebendig. FrauVeronix, die seit zwölf Jahren am Blutfluss litt, berührte seinesKleides Saum und ward geheilt«. Nathan gedenkt andererWunder des Herrn, erzählt seine Leiden, Gefangennehmung,Kreuzigung, Begräbnis durch Joseph und Auferstehung; erfügt hinzu »ich weiss dass er der wahre Gott ist«. Tyrus, alser das vernimmt, glaubt an Christus. »Wollte Gott«, ruft er

x ) Jac. Gretser de imaginibus non manufactis. Ingost. 1622. 8. undhinter seiner Ausgabe des Codmus Curopalates. Opera T. XV. Job. Reiskede imaginibus Jesu Christi. Jenae 1685, p. 5280. Acta sanctorum 4. Febr.

2 ) Statt fram Tyberie lese ich nämlich fram Piläte to Tyberie. DerZusammenhang verlangt diese Ergänzung, die auch durch eine hernach folgendeStelle gerechtfertigt wird.