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3 (1883)
Seite
140
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140 I> IE SAGE VOM URSPRUNG DER CHRISTUSBILDER.

ausgezeichneten Gaben, die Treffliches zu leisten im Standesind, von einem Weg auf den anderen springt, bald in demgriechischen Alterthum, bald in dem Mittelalter, bald in der123 Gegenwart selbst Anhalt und Vorbild sucht, gleichsam dieFühlhörner nach allen Seiten ausstreckt, aber schnell wiederzurückzieht?

II.

Ich werde unten zu der Betrachtung von Kunstwerkengelangen, die zur Bestätigung dieser Andeutungen dienen: einevollständige Ausführung muss ich denen überlassen, welche imStande sind die in Kirchen erhaltenen oder in Sammlungenübergegangenen Christusbilder aufzusuchen und zu vergleichen.Meine Aufgabe ist der Vorstellung nachzuforschen, die mansich von dem Ursprung derselben gemacht hat. Da diese Vor-stellung eine gemeinsame und überlieferte war, so kann sie nurda gesucht werden, wo die religiöse Sage sich ausbildete, ichmeine in den Legenden. Diese merkwürdigen Dichtungen sindvon der Kirche nicht ausgegangen, sie verdanken ihr Daseindem unaustilgbaren, unablässig in der menschlichen Seele wirken-den Trieb der Phantasie; die Kirche billigte und bestätigte da-von was ihr angemessen schien, hielt aber das Ganze in einergewissen Entfernung, die eine ungestörte Fortbildung zuliess.Wer die Sammlung des Jacob de Voragine oder den Winter-und Sommertheil nur oberflächlich betrachtet, dem wird dieMannigfaltigkeit und grosse Verschiedenheit darin nicht ent-gehen. Echte zarte Dichtungen, die Goethe und Herder nichtverkannten, edle und tiefsinnige Gedanken stehen neben hohlenErfindungen, die einen schwülen, jedem wahrhaft religiösenGemüth unerträglichen Aberglauben uns aufdringen wollen.Manches ist aus weltlicher Volkssage übergegangen und istdann nur umgewandelt worden, wovon ich bei der Legendevon Silvester, in der Einleitung zu dem Gedichte Konrads vonWürzburg, ein Beispiel gegeben habe. Solche Mischungenmögen schon frühe vorkommen: aber man darf als Regel voraus-setzen, dass das Ältere zugleich auch das Bessere ist.