Druckschrift 
3 (1883)
Seite
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DIE SAGE VOM URSPRUNG DER CHRISTUSBILDER. 139

oder vielmehr es fällt ihr nicht ein sie zu verlassen: der Typuswird nur, den Kunstmitteln der verschiedenen Zeiten und derBegabung und technischen Ausbildung des Einzelnen gemäss,in grösserer oder geringerer Vollkommenheit dargestellt; selbstin ungeschickten Händen bleibt er erkennbar und behältWirkung. In einer solchen Zeit wird die Natur von der Kunstmir als Mittel betrachtet, den Gedanken, von dem sie erfülltist, auszudrücken: sinnliche Schönheit, veredelte Wahrheit sindnicht ihr Zweck: sie opfert beides unbedenklich der Idee.Erst wenn die Macht des Gemeinsamen soweit sich mildert,dass die Kunst dem Geist des Einzelnen einzuwirken ver-stattet, dann sucht sie in der Natur selbst, die sie reinigt, dersie das Zufällige abstreift, das höchste Ziel zu erreichen. Wirddort die Natur von der Idee zurückgedrängt, so birgt sich hier,wie die Seele in dem Leib, die Idee in der sinnlichen Erschei-nung. Die Kunst wird dann frei. Glücklich die Zeiten, inwelchen das Gemeinsame, das in der Überlieferung sich aus-drückt, noch nicht sein Ansehen verloren und die Freiheit zu-gleich Kraft genug erlangt hat, um sich selbst zu vertrauen.Aus glücklicher Einigung beider Richtungen erwachsen dannKunstwerke, welchen der Stempel eines unvergänglichen Lebensaufgedrückt ist. Die grossen italienischen Maler, unter ihnen'zumeist Raphael, bezeichnen einen solchen Glanzpunkt. Ihnengelang es jene höhere geläuterte Naturwahrheit, die uns in denErzeugnissen des griechischen Alterthums entzückt, mit demGeist des Christehthums zu erfüllen. Selbst Raphael hat nichtüberall, nur in seiner höchsten Blüthe die Aufgabe gelöst: wiein seinen älteren Werken die herkömmliche, unfreie Richtungvorherrscht, so neigt er sich in einigen anderen zu der über-wiegenden Natürlichkeit. Wendet sich nämlich die Kunst ganzvon der Überlieferung ab, so verliert sie sich in dem Ausdruckder gemeinen Wirklichkeit, die bis zum Widrigen ausartenkann, oder sie verflacht sich in einer idealischen Unwahrheitund gehaltlosen Schönheit, welche die Seele kalt lässt. Dannwirken Laune, ein Einfall, geistreich oder geistlos, anmuthigoder geziert, wie es sich trifft, Zufälligkeiten aller Art. Werhat nicht bemerkt, wie die Kunst der neueren Zeit, reich an