Druckschrift 
3 (1883)
Seite
107
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ZUR LITTERATUR DER RUNEN. 107

6) Für die gothische Sprache selbst scheint aus sowenigen Zeilen kaum eine Ausbeute möglich, und doch be-stätigt sich in lokan für lukan des Cod. Arg. eine in anderenFällen schon bemerkte Anomalie, das imar^ov \\ scheint sichals ein in die Lingualreihe gehöriger Buchstabe geltend machenzu wollen.

7) Bedeutender ist der Gewinn für die gothische Paläo-graphie. Ein Theil der gothischen Fragmente schliesst sich im 21Ganzen zwar an die bekannte gothische Schrift, zeigt aber das

S und das oben geschlossene B der neapolitanischen Urkunden,und neu und eigenthümlich ist das oben offene HV und dasZeichen \ für 900. Der andere Theil lässt uns eine gothischeSchrift von ganz verschiedenem Charakter erblicken; wenn dieZüge der Buchstaben nicht die Freiheit haben, wie die ähnlichenin den neapolitanischen Urkunden, so mag die Schuld davonbloss an dem Abschreiber liegen, der ängstlich nachahmte, wasin dem Original gewiss eine vollkommene Sicherheit zeigte.Bisher unbekannt war das mit dem runischen übereinkommendeE und das eckige S. Die Durchdringung und Verwandtschaftdes griechischen, gothischen und runischen Alphabets bewährtsich also aufs Neue.

Ich schliesse diese Betrachtungen mit einer Bemerkung überdie gothische Inschrift zu Brescia aus dem fünfzehnten Jahr-hundert, welche Abate Mai bei den Proben aus den MailänderCodices bekannt gemacht hat. Sollten, wie dort vermuthet wird,Ulfilas Buchstaben bis zu jener Zeit fortgedauert und sich inItalien, etwa durch die taurischen Gothen, lebendige Kenntnisdavon bis zu dem Ausgange des Mittelalters erhalten haben?Es ist mir ebenso w r enig glaublich, als dass in jenem Falle dasgothische Alphabet in mehr als tausend Jahren so unbedeutend,eigentlich gar nicht sich sollte verändert haben. Ich vermuthe,bei jener Inschrift wurden die Buchstaben eines Alphabets, wiees in dem Vatikaner Kodex vorkommt, nachgemalt, vielleichtohne dass man wusste, welcher Sprache sie eigentlich zugehörten,aus blosser Liebhaberei an dem Ungewöhnlichen, die an sichgar nichts Seltenes ist. Ich führe noch an, dass nach Fuessli(Künstlerlexikon I, S. 342, 343) Wilhelm Kay ein Schüler