82 DIE ALTNORDISCHE LITTERATUR.
Ob ein Bedürfnis nach einer Übersetzung da sei oder nicht,lässt sich freilich nicht nach Regeln bestimmen, es wird sichaber ein sicheres Gefühl davon bei denen, welche die Forde-rungen der Zeit zu beurtheilen verstehen, wohl einfinden. Dastrefflichste Beispiel ist Shakspeare, denn man kann für gewissannehmen, dass die Deutschen eine Übersetzung desselben niemehr entbehren wollen. Die Aufgabe ist dann nur nach demGeist des Originals, nicht nach der Unmöglichkeit zu trachten,eine Übersetzung zu liefern, die jenem gegenüber nichts verlorenhätte. Auch jeden Einfluss der Zeit darauf abzuschneiden wirdnicht gelingen, man wird dies ertragen müssen, wie den Ge-danken, dass die veränderte Sprache eine neue Übersetzungin der Zukunft nöthig macht. Was aus dem nordischen Alterthumpoetisch zu übersetzen wäre, wird sich nicht schwer bestimmenlassen, dem Umfange nach ist es nicht viel. Es ist ein eigenerMissgriff, dem es nicht zur'Entschuldigung gereicht, dass erwiederholt worden, wenn man die mythischen Lieder derEdda, deren Verständnis oft den mühsamsten Forschungen sichnicht öffnet, durch elegante und kunstmässige Bearbeitungen beiuns hat einführen wollen.
In dem bisher Gesagten ist wohl schon die Antwort ange-deutet, wenn jemand fragt, wozu denn das Studium des Alter-52 thums diene und weshalb es empfohlen werde? Gewiss nichtum einer mechanischen Verbindung des Alten und Neuen denWeg zu bahnen und um von dort her Stücke zu holen, wennes bei uns irgendwo nicht zum besten bestellt sein oder ganzfehlen sollte. Auch nicht um alles, was wir besitzen, niederzu-reissen und nach jenem Muster, das uns besser däucht, neuaufzubauen. Der Werth des Alterthums besteht darin, dass esuns unsere eigene Gegenwart erkennen lehrt. Wir gewinnendie Überzeugung, dass diese nicht aus zufälligen Ursachen,sondern nothwendig auf jener Grundlage sich entwickelt hat,wodurch allem Willkürlichen und Ungeschichtlichen in der Be-handlung derselben gewehrt wird. Ferner werden wir ange-wiesen, auf das Geringe und Unbedeutende zu achten, und unserAuge wird gestärkt, in dem Unscheinbaren den Keim desWichtigen zu sehen. Wie vieles Brauchbare ist als leer und