DIE ALTNORDISCHE LITTERATUR. gl
es sonst aus der vergangenen Heldenwelt ist, wieder vor unserblicken! Sie sind es und sind es auch nicht, sie vollbringenjene Thaten, und doch hat sie ihr Herz nicht dazu getrieben.
Folgt aber daraus, dass das Wiederauffassen alter Sagenan sich unstatthaft sei? Gewiss nicht, ein solcher Schluss würdesich auch leicht widerlegen lassen; denn besitzen wir nicht inGoethes Faust ein Gedicht, das einen alten Grund hat unddennoch gänzlich unserer Zeit angehört, mit jeder Höhe undTiefe derselben bekannt? Ist nicht ein grosser Theil vonShakspeares Werken auf die alte Fabelzeit gegründet? Undum etwas recht Verschiedenartiges zu nennen: hat nicht Tieckdie kleinen Sagen vom Blaubart, dem gestiefelten Kater, demlieblichen Rothkäppchen auf das Lebendigste für uns dargestellt?Es gehört dazu, dass der Dichter zu erkennen weiss, auf welcheArt die Sage noch wirklich heute vorhanden ist und wie ihreigentlicher Geist sich erhalten, i^icht das Alterthum soll sichwieder darin vorstellen, sondern unsere frische, lebensvolleGegenwart. Alles aber, was abgestorben ist, besonders dievergängliche Form kann man ruhig der bloss geschichtlichenBetrachtung überlassen.
Was Übersetzungen betrifft, so kann gegen jene, welchezur Erläuterung der Urschrift dienen und in vielen Fällen alsein vorzügliches Mittel zum Verständnis anzusehen sind, nichtseingewendet werden. Sie fallen der wissenschaftlichen Bearbeitungiinheim und müssen nur dem Anspruch unabhängig und selbst-ständig etwas zu bedeuten entsagen, am wenigsten dürfen siedarauf ausgehen, die Urschrift entbehrlich zu machen. Dagegenbei den eigentlich poetischen Übersetzungen, welche eine Dich-tung herüberführen und als Eigenthum uns überliefern wollen,muss ein wirkliches Bedürfnis vorhanden sein, sonst bleibt dieArbeit, wenn sie auch noch so geschickt wäre, unfruchtbar undgeräth mit Recht in Vergessenheit. Die Überladung in diesemFache hat eben in neueren Zeiten unserer schönen Litteratureinen etwas langweiligen Charakter und einen gewissen unbe-quemen , selbst schädlichen Reichthum gegeben, denn es isteine natürliche Folge, dass mit dem allzugrossen Zuwachsfremder Ideen die Beweglichkeit der eigenen sich vermindert.
Vf. GRIMM, KL. SCHRIFTEN. III. 6