Druckschrift 
3 (1883)
Seite
80
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80 . DIE ALTNORDISCHE LITTERATUR.

auf der einen Seite die natürliche Macht des Inhalts: sie wirktauf den Dichter, selbst gegen seinen Willen, er gibt ihr nachund reicht uns ganze Stücke, in welchen er der Diener desÜberlieferten ist, das er nur mit den Blumen, wie sie seinpoetischer Garten trägt, ausschmückt. Auf der anderen Seitehat er wieder die Gewalt in Händen, ordnet die Fabel seinemeigenthümlichen Geist unter und gestaltet sie nach dessen Be-dürfnissen neu. Vorzüglich ist er dann auf die Ausbildung derCharaktere oder die Darlegung der inneren Geschichte bedacht,die in den Sagen des Alterthums nie mehr enthüllt werden, alses gerade der Gang der Geschichte mit sich bringt. Dort wirddie Nothwendigkeit nicht empfunden, von dem vollen und ganzenDasein der Menschen Beweise zu liefern; und um einer SeiteWahrheit zu geben, ist nicht nöthig die ganze Gestalt von allenvorzuzeigen. Jene beiden Bestandtheile können zwar in mecha-nischer Hinsicht fein und geschickt verbunden sein, auch dieZusammenfügungen mit mancherlei Zierat überdeckt, wirempfinden dennoch, dass wir durch zwei verschiedene Regionengeführt werden, in der einen wandeln leihhafte Menschen, derenGeist wir ahnen, in der anderen Geister, die nach einem festenLeib sich sehnen. Öfter ist auch die Mischung wenig künstlich,und es zeigen sich, wenn ein anderes Gleichnis erlaubt ist,Fettaugen, die auf dem Wasser hin und her schwimmen.Gleichfalls sind Beispiele vorhanden, besonders im Dramatischen,dass man die Sage in ihrem Inhalt wenig verändert oder ganzungestört erhalten, aber mit dem, was die Zeit liefert, neu sieausfüllen, gleichsam die Gesinnung hineinlegen wollen. Mandenkt, wenn man die alten Gestalten sich wieder erheben, fort-schreiten und reden sieht, an jene Geschichten von Abgestorbenen,in welche ein fremder Geist gefahren ist und sie scheinbar eineZeit lang belebt hat. Sie geben sich für dieselben aus, dasvergangene Leben ist ihnen bekannt, und sie wissen davon zusagen, aber es ist etwas Fremdes und Unheimliches, auch Ängst-liches in ihren Reden, bis wir endlich erkennen, dass ein andererGeist aus ihnen spricht, der weder in jener Vorzeit gelebt, noch51 auch zur Gegenwart gerad und aufrichtig sich ekennt. Wieseltsam däucht es uns, wenn wir Chriemhilde, Sigurd, oder wer