DIE ALTNORDISCHE LITTERATUR. • 7 g
ausgestattet sind. Denn wenn ein wirklich poetischer Geistetwas anrührt, so gewährt er ihm immer ein gewisses Leben,und hat er eben jenes allen Zeiten Gemeinsame gefasst, so hater aus Mimers Brunnen geschöpft, der noch heute wie damals,wenn gleich unter anderem Namen, fortquillt. Auch wirkt danndie Eigenthümlichkeit der Manier, das Naive der Ansicht undder Sprache angenehm und verführerisch. Im Ganzen jedochlässt sich in diesen Werken der Gegensatz zwei verschiedenerElemente, die sich nur in einzelnen glücklichen Augenblickendurchdringen, wahrnehmen. Die Poesie des Alterthums (die,von welcher hier die Rede ist) besteht aus überlieferten Sagen,welche sie jedes Mal so treu und wahr, als sie vermag, nicht 50geringer aber auch nicht besser, auszusprechen trachtet, welchesie aber nach einer besonderen Ansicht zu erklären und herum-zubilden nicht wagt. Sie stellt sich nämlich nicht über, sondernunter die Überlieferung, und der Gedanke an eine willkürlicheVeränderung derselben erscheint ihr ebenso unnatürlich, alsgedächte man Rosen aus einer Eichwurzel hervorzutreiben.Zwar verändert sich je^es Mal die Sage und gewährt ein Bildder Zeit, in welcher sie ausgesprochen wird, aber es geschiehtohne Vorsatz dazu, unbewusst, und nur in diesem Sinne kannvon einem Verändern und Fortbilden derselben die Rede sein.Demnach herrscht darin das Epische oder die Fabel, und Sinnund Bedeutung liegt darin ebenso offen und ebenso verschlossenund unendlicher Betrachtung und Auslegung fähig, wie inallem, was ein organisches Dasein hat. Die neuere Poesiedagegen (insofern wir sie im Gegensatz zu jener betrachten,denn die unmittelbar fliessende Quelle kann ihr nicht fehlen)ist auf Bewusstsein und innere Betrachtung gegründet undgrösstentheils der Überlieferung beraubt, oder wenn man liebersich so ausdrücken will, ohne Geschick, sie zu erkennen. DieFabel bedeutet ihr daher weniger, sie stellt sich darüber undbehandelt sie als Mittel, das erkannte Geistige darzustellen,auch können wir in ihren meisten Erzeugnissen ein Hintansetzenderselben leicht bemerken. Ergreift nun jene alterthümlichePoesie unserer Zeit eine Sage in den Formen des Alterthumsund will diese hingewelkte Gestalt neu beleben, so spürt man