DIE ALTNORDISCHE LITTERATUR. 77
zurückgewiesen werden, dagegen aber zerfallen auf der anderenSeite auch die Versuche, Lücken, die wir bei uns entdecken,damit auszufüllen, dass wir ganze Stücke von dort hereinsetzen.Man hat dann den Vorschlag erneuert, auch wohl mit derAusführung angefangen, die Mythologie der Edda wieder geltendzu machen. Es hat den Schein, als würde sie, die auf gemein-schaftlichem Boden entsprungen, am geschicktesten sein, unsereAnschauungen des Geistigen sinnlich auszudrücken. Aber deneinmal abgestorbenen Formen will sich kein Leben einhauchenlassen, sie sind uns, bis auf wenig Einzelnes, so fremd geworden,als etwa die Götterbilder asiatischer Völker, und wir lassen unsdie indische Maja so gut als Freia oder den Hanuman wie denLoke gefallen. Die griechische Mythologie behält den Vortheil,bei dem fortgesetzten Umgang mit den Werken der Griechenund Römer uns als symbolischer Ausdruck des Geistigen ge-läufiger zu sein. Mehr kann sie natürlicher Weise nicht bedeuten,ja, von einer anderen Wirkung irgend einer Mythologie darfüberhaupt nicht die Rede sein, in dieser Stelle aber wird siesich auch fortwährend erhalten. Die nordische dafür einzusetzenwürde theils unausführbar sein, weil eine so durchdringendeBekanntschaft derselben sich nicht wohl erzeugen kann, theilsauch keinen Gewinn, vielmehr Verlust bringen, weil sie beiweitem nicht so reichliche Ausdrücke und so feine Unter-scheidungen liefert. Sie indessen daneben, so viel passend undungezwungen geschehen kann, auf gleiche anzuwenden kannimmer vortheilhaft sein, nur ist, wie gesagt, die griechische 49Mythologie ungleich mehr zu sinnlichem und poetischem Ge-brauch verarbeitet und wird sich den Gedanken leichter dar-bieten. Dabei kann gar wohl bestehen, dass die nordische denursprünglicheren und tieferen Sinn nicht selten reiner erhalten,denn dass bei der Ausbildung der Form Geist und Bedeutungzurücktrete und verhüllt werde, ist wohl keine zweifelhafte Be-hauptung mehr. Am unglücklichsten ist aber der Gedanke, dienordische Mythe zum Gegenstand der bildenden Künste zumachen. Bei den Griechen und Römern hat die Kunst erstden Mythen die äusserliche Form, den Göttern die Schönheitder Gestalt gegeben, nicht umgekehrt sind sie der Kunst zu