72 DIE ALTNORDISCHE LITTERATUR.
poetischen Werth haben, aber man wird doch immer besserthun, gesetzt man will nicht bloss für das Volk ein Buch liefern,sie wegen ihrer verschiedenen Entstehung und Natur einer be-sonderen Sammlung aufzuheben, und das scheint ja auch derZusatz auf dem Titel: »aus der Vorzeit« zu wollen. Für jedesLied ist nun die Volksmelodie mitgetheilt *), dies wäre also einVorzug vor der dänischen, obgleich auch diese eine gute An-zahl Volksweisen liefert; dagegen ist bei dieser in Hinsicht derAnmerkungen, der zugefügten Wörterbücher und Abhandlungenmehr Sorgfalt und ein viel grösserer Fleiss anzuerkennen. DieVorrede rührt von dem anderen Herausgeber, dem DichterGeijer, es ist darin eine freie Ansicht über die Volkspoesie mitLebendigkeit entwickelt, und man trifft auf manches Richtige,gut und schön Gesagte; nur sind darin zu viel Gegensätze auf-gestellt und angewendet, welche den Gegenstand ganz zu fassenscheinen, uns aber doch eigentlich beengen. Was das Alterder Lieder betrifft, so stimmt der Verfasser mit den dänischenHerausgebern in dem Resultat so ziemlich zusammen und setztihre Entstehung in das Mittelalter, aber er entwickelt eigeneGründe. Ihm liegt der Hauptbeweis darin, dass die Sittenjener Zeit sich in den Liedern abspiegelten, wo noch kein feind-liches Entgegensetzen der Stände sich zeigt und die Verhältnisseder Vornehmen und des Adels, deren Leben doch hier fastimmer dargestellt wird, noch unverdorben und natürlich waren,d. h. sie den Glanz und die Blüthe des Volks ausmachten. Erstim 14. Jahrhundert in der Zeit Magnus Eriksons habe sich derGegensatz gebildet. Ferner auch: da sich in den Liedern nochkeine Spur von Nationalhass zwischen den drei Völkern zeige,müssten sie aus der Zeit sein, wo sie, wenn auch durch ver-schiedene Regierungen getrennt, sich noch durch gleiche Sprache,Sitte und Herkunft als ein Geschlecht betrachtet hätten. Erstdie unglückliche Calmarische Union am Ende des 14. Jahrhundertshabe den Nationalhass geweckt, in welcher Zeit die Volkspoesieeine ganz verschiedene Natur angenommen. Es liegt unläugbarWahrheit in diesen Bemerkungen, indessen betreffen sie doch
*) Sie sind für das Pianoforte harmonisch bearbeitet von P. Grönland soeben aufs Neue ausgegeben.