62 ME ALTNORDISCHE LITTERATUR.
Kämpe-Viser können daher mancherlei gewinnen. Der ersteBand (Danske Folkesage. Kiöbh. 1818. 200 S. in 8°)liegt bereits vor uns, auch ein zweiter soll erschienen sein.
Man kann von einer Litteratur nur dann sagen: sie istwirklich da, sie lebt, wenn sie aus der Mitte eines innerlich39 gefühlten Bedürfnisses hervorgewachsen ist. Zwar kommendurch künstliche Mittel Werke zu Stand, welche bei der daraufverwendeten Arbeit und Gelehrsamkeit Achtung verdienen; siegewähren auch wohl den Schein einer vorhandenen Litteratur,selbst, unter glücklichen Verhältnissen, mit einigem Schimmer,aber das Scheinleben sinkt, sobald die Triebfedern nachlassen,gleich wieder zusammen. Etwas von dieser Natur hat die vor-hergehende Periode in den siebenziger und achtziger Jahrengehabt; es war mehr die Eegierung, welche die Sache beför-derte, als eine wirklich vorhandene natürliche Neigung dafür.Es ist erlaubt, diese Bemerkung auch in der Ferne zu machen,da sie sich selbst bei einem einheimischen Schriftsteller findet(vgl. P. E. Müller über die Wichtigkeit der isländischen SpracheS. 129). Dann geschieht es wohl, dass grosse Werke ange-fangen werden, aber unvollendet liegen bleiben, wie es mit derEdda, Heimskringla, Niäla-Saga der Fall war: über die Kraftdes Anstosses hinaus zeigt sich keine Bewegung, und freiwilligbildet sich nichts mehr, wie bei zurückgezogener Wärme dieStubeupfianze abtrauert. Der jetzigen Periode dagegen wirdniemand wirkliches Leben und Dasein absprechen wollen. Wiein Deutschland, so hat auch bei den Dänen die Erfahrung derjüngst verflossenen Zeit den Blick auf das Alterthum gelenkt,nicht als auf etwas Veraltetes oder öd Abliegendes, sondern alsauf die rechte Quelle der Gegenwart, die in der Erkenntnis deseinheimischen und vaterländischen sich selbst wiederfinden undstärken soll. Ein Zeichen dieses rechten Lebens ist der Zu-sammenhang, der sich in den verschiedenartigen Bestrebungenäussert: einer arbeitet dem anderen ohne Abrede in die Händeund fühlt die Nothwendigkeit, dass aus dem Einzelnen eingegenseitig sich stützendes und festhaltendes Ganzes zusammen-wachsen müsse. Ob die Gelehrsamkeit damals grösser war oder