Druckschrift 
3 (1883)
Seite
44
Einzelbild herunterladen
 

44 DIE ALTNORDISCHE LITTERATUE.

das Letztere erklären wir uns aber bestimmt und haben dannnichts gegen jene Charakteristik, welche die Geistesverwandt-schaft beider Völker, die ja schon das Hildebrandslied im Ver-hältnis zu den epischen Liedern der Edda darlegt, bezeichnet.Es würde sonst auch räthselhaft sein, warum sich bei denDänen, Schweden und Deutschen (bis zu jenen in dem Kuh-ländchen abgeschlossenen) dasselbe Lied sowohl nach Inhalt als28 Form ähnlich wiederfindet. Die oft wörtlich übereinstimmenden,noch im Munde des Volkes lebenden schwedischen Lieder wirdniemand für Übersetzungen ausgeben wollen; sie rühren alsoaus einer älteren Zeit, wo die Poesie beider Völker noch nichtgetrennt war. Am wichtigsten wird die Frage nach dem Ur-sprung bei den Heldenliedern, welche in den Fabelkreisdes Nibelungenliedes fallen. Sie zeigen einestheils eine deutlicheÜbereinstimmung damit, anderntheils aber auch eine Kenntnisder altnordischen eigenthümlichen Mythe. Sind darin nun Ori-ginale oder blosse Übersetzungen aus dem Deutschen zu er-kennen? Die Herausgeber erklären sich, wie wir, für das Erstere,dagegen P. E. Müller für das Letztere, indem er als Ergebnisseiner Betrachtungen aufstellt, dass der Inhalt der Liedergrösstentheils unmittelbar aus einem deutschen Gedicht ent-nommen sei. Dagegen streitet aber die Natur der Volkslieder,die ihren Stoff nicht aus fremden Quellen, wenigstens nichtunmittelbar schöpfen; der Gegensatz, den ein sichtbar über-setztes Lied, jenes nämlich vom alten Hildebrand, in der Formzu jenen macht; der Umstand, dass ein Lied von Sivards mord-lichein Tode wirklich mit der nordischen Sage gleiche Grund-züge hat, neben der Übereinstimmung mit dem Deutschen dasÜbergehen der wichtigsten in die Augen springenden Motive(so unvollständig hat niemand einen Stoff aufgefasst); endlichdie Verknüpfung der Lieder mit dem einheimischen Boden,denn unmöglich kann die Sage, wornach Chrimhilde auf derInsel Hven ihre Rache ausübte und die Ruinen ihrer Burgennoch zu sehen sind, erst durch fremde, eingeführte Lieder er-zeugt worden sein. Eine wieder abweichende Volkssaare vonGrimild und Hvenild, wornach es zwei Riesenschwestern sind,führt Sjöborg in der Nomenklatur S. 84 Anm. an. Der sächsi-